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Leseprobe aus „Das geschenkte Jahr"

Hoffen auf ein Wunder. Regina stand etwas verloren am Fenster des Mansardenzimmerchens in ihrer geliebten Werkstatt. Vor kaum einer Stunde hatten die letzten Sonnenstrahlen ihr kleines Reich noch erhellt, Wärme gespendet. Jetzt brach die Dämmerung herein. Regina begann zu frösteln, durchmaß einige Male den Raum, um sich dann leise aufstöhnend auf dem Schemel niederzulassen. War es wirklich nur die vorherrschende Kälte, die sich wie ein Untier in diesem Raum ausbreitete? Oder war es die trostlose Leere, welche das Zimmer auf einmal so düster, fast gespenstig wirken ließ. Die leeren Fensterbänke irritierten sie. Die kahlen Wände starrten sie an: Helle Flecken zeichneten sich hier und da ab, ein Zeichen dafür, daß diese Stellen einmal Bilder zierten, die Regina jetzt wohlverwahrt in dem großen Reisekoffer wußte, der für den Gepäckträger abholbereit neben dem Schrank stand.

Eine Träne löste sich aus ihren Augen. Wehmut durchzog ihr Herz, Wehmut über den Abschied aus diesen vier Wänden, die ihr in den Jahren lieb und zur Heimat geworden waren. Sie zitterte, mußte husten, zog das Taschentuch aus ihrer Schürzentasche. Schweiß bedeckte ihr Gesicht und Stirn. Sie hatte das Gefühl ersticken zu müssen. Gott sei Dank, ging der Anfall vorüber, ohne die gefürchtete Spur im Taschentuch zu hinterlassen.

Welch große Pläne hatte sie gehabt: die Werkstatt vergrößern, ein Lehrmädchen einstellen... Nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, daß sie die mühsam zusammengekratzte Summe eines Tages für etwas anderes ausgeben müßte. Jede zusätzliche Einnahme wurde für sie plötzlich lebenswichtig, im wahrsten Sinn des Wortes.

Mit dem Verlassen dieses Zimmers blieben all die Träume zurück, die sie im Laufe der Zeit gesponnen hatte. Träume, wenn sie oft bis spät in der Nacht hinein beim Schein der Petroleumlampe über Blusen, Röcken, Kleidern und anderen Näharbeiten gesessen und ohne Unterlaß gestichelt hatte. In jedem Saum ein Traum. Träume, die nun immer Träume bleiben mußten. Hatte sie zuviel verlangt?

Fünfundzwanzig Jahre, was war das schon? Ein Alter, bei dem man glaubt, nein sicher war, daß das Leben eigentlich erst begann, noch alles vor einem lag.

Wie sehr sie es liebte, dieses kostbare bißchen Leben, wurde ihr von Tag zu Tag deutlicher. Sie wollte und konnte sich einfach nicht mit dem „Engel des Todes“ abfinden, von dem sie genau wußte, daß er völlig ungerufen über ihr schwebte, ihr zuwinkte.