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Das Versprechen an die Oma

Mit einer Passage aus ihrem Roman "Der große Santini" stellte sich die Schriftstellerin Brigitte Sattelberger in der Stadtbücherei vor. Die Lesung, die im Rahmen des Saarländischen Lesefrühlings stattfand, beeindruckte die Besucher.

VON SZ-MITARBEITER MICHAEL SCHNEIDER

Homburg. "Der große Santini" ist Teil einer autobiografisch geprägten Saga, mit der Brigitte Sattelberger die ereignisreiche und zum Teil von schweren Schicksalsschlägen geprägte Geschichte ihrer Familie festgehalten hat. Fünf Bücher umfasst diese Saga. Es war nicht einfach, das Niederschreiben von Erinnerungen, wie aufmerksame Beobachter zu Beginn der Lesung feststellen konnten. Mit "Der große Santini - Aufstieg und Fall eines Dresdner Tenors" zeichnete Brigitte Sattelberger die Lebensgeschichte ihrer Großeltern nach. Damit erfüllte sie nach Jahrzehnten ein Versprechen, das sie ihrer Großmutter als Zwölfjährige gegeben hatte. Die Familie der Autorin war in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 im Keller eines Hauses verschüttet und konnte sich gerade noch retten. Den Großvater, der von Trümmern erschlagen worden war, musste sie zurücklassen. Der durch das Flächenbombardement in jener Nacht hervor gerufene Feuersturm entwickelte sich gerade, als die Familie sich durch Flammenwände noch in Sicherheit bringen konnte. Im Haus verbrannten die Manuskripte, mit der die Großmutter die Geschichte des Tenors Santini festgehalten hatte.

Diese Geschichte doch noch zu schreiben, versprach das Mädchen seiner Oma in den schlimmen Stunde nach den Angriffen. Die Bilder jener Nacht wurden vor dem inneren Auge der Schriftstellerin wieder lebendig und mächtig. Die Gäste der Lesung sahen, wie Brigitte Sattelberger den Tränen nahe über die Entstehung der Saga berichtete. Mit griffigen Bildern ließ Brigitte Sattelberger die Mitte des 19. Jahrhunderts wieder sichtbar werden. Die junge Elsa bereitete sich auf die Hochzeit mit Alfred vor. Der war bei Elsas Vater gut angesehen, hatte er doch als Schlosser ein solides Handwerk erlernt. Wovon er nichts wusste, war die neben dem Beruf betriebene künstlerische Ausbildung von Elsas Zukünftigem. Sie war der Grund, warum Elsa die Finanzen der jungen Eheleute mit eigener Arbeit aufbesserte, obwohl das nicht ohne weiteres mit dem Bild einer Ehefrau zu vereinbaren war, das damals Gültigkeit hatte. Anschaulich beschrieben wurde das Anfertigen der Brautschuhe durch Elsas Vater, der Schuster von Beruf war, wie die Anprobe des Brautkleides verlief. Die Braut stach sich an einer Stecknadel im noch nicht endgültig genähten Kleid, und es gab einen winzigen Blutfleck. Die Zuhörer hatten das Gefühl, dieser winzige Fleck könnte ein drohendes Vorzeichen sein. Untermauert wurde das durch die Schilderung der Worte einer Zigeunerin, die dem jungen Paar beim Besuch der Dresdener Vogelwiese aus der Hand las. Sagte sie dem jetzt fertig ausgebildeten Santini Aufstieg und Fall als Sänger voraus, so lief sie beim Anblick der Linien in Elsas Hand davon, ohne noch ein Wort zu sagen. "Ich muss wissen, wie es weiter ging", sagte Helga Schröder, als die Lesung mit der Schilderung des Besuchs auf der Vogelwiese endete. Die jetzt rund 150 Jahre zurück liegenden Ereignisse seien durch die treffende Sprache so beschrieben worden, als lägen sie erst kurze Zeit zurück, sagten übereinstimmend mehrere Gäste. Dolly Hüther, die eingangs Brigitte Sattelberger vorgestellt hatte, sah darin eine der großen Stärken der Autorin. Das Anstoßen der Fantasie, das Entstehen von Bildern vor dem inneren Auge, sah Bürgermeister Klaus Zeßner als eine der wichtigsten Wirkungen des Lesens an. Das unterscheide Lesen von ausschließlich passiven Formen der  Information, die im Fernsehen oder am PC schnell aufgenommen, aber meist ebenso schnell wieder vergessen sei.

HINTERGRUND

Brigitte Sattelberger wurde in Dresden geboren. Als Zwölfjährige erlebte
sie den Untergang der Stadt mit ihrer Familie im Keller des Elternhauses
in der Altstadt. Das Haus wurde von Sprengbomben zerrissen
und stand in Flammen. Der Großvater kam um. Ihrer Großmutter versprach
sie, die Geschichte der Familie schriftlich festzuhalten, nachdem
die Manuskripte im Feuer untergegangen waren. Mit drei Romanen
über den Tenor Santini machte sie ihr Versprechen wahr. Nach fünf
autobiografisch orientierten Bänden erscheint im Herbst das sechste
Buch, das sich mit der Bewältigung von Trauer befasst. smi

Im Rahmen des Saarländischen Lesefrühlings stellte Brigitte Sattelberger ihren Roman "Der große Santini" in der Stadtbücherei vor. Foto: Schneider


Quelle: Saarbrücker Zeitung vom 04.06.2004 (Lokalausgabe Homburg)

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