|
Von Antje Flath
„Dresden mon amour" - ein Titel der so vieles sagen kann und doch nur andeutet,
was sich hinter ihm verbirgt: Ein deutsch-deutsches Frauenschicksal, das
gleichsam einem Spiegelbild deutschdeutsche Geschichte reflektiert, ein dank
seiner naturalistischen Treue erschütterndes Zeitdokument.
Brigitte Sattelberger stellte ihr Buch „Dresden mon amour" am Freitag abend im
Theater Variabel im Rittergut vor. Daß sich die zehn Zuhörer dabei fast im
Theater verlieren, stört die ruhige, zurückhaltend wirkende Frau scheinbar
wenig. Sie beginnt, ihre Geschichte zu erzählen, eine Geschichte die 1933 in
Dresden beginnt und 1964 im Saarland vorläufig aufhört - ihr Leben. Ein Leben,
daß bis heute geprägt ist von einem Tag, dem 13. Februar 1945, einem
Faschingsdienstag. Die Bombennacht von Dresden, die die Weltstadt an einem Tag
in Schutt und Asche legte, ließ Brigitte Sattelberger bis heute nicht los. Bei
mancher Zeile, bei mancher Passage spürt denn auch der Zuhörer, wie sie mit
ihren Tränen kämpft, heute noch, über fünfzig Jahre danach.
Die Erinnerungen, die sie nicht verarbeiten konnte, die Bilder, die sich nicht
aus ihrem Gedächtnis verdrängen ließen, veranlaßten die Autorin bereits 1958,
erste Aufzeichnungen zu Papier zu bringen. Mitte der sechziger Jahre schreibt
sie erste Verlage an, ohne nennenswerten Erfolg. 1986 nimmt sie zum zweiten
Versuch Anlauf, verarbeitet die tagebuchähnlichen Aufzeichnungen ihres Vaters
mit und glaubt 1988 zum zweiten Mal fertig zu sein. Ein Jahr später kommt die
Wende und auch für Brigitte Sattelberger eröffnen sich neue Horizonte. Sie kann
über Vorfälle reden, die sie in ihren bisherigen Manuskripten ausklammerte, um
Freunde und Bekannte nicht zu gefährden. Im Dezember 1994 schließlich erblickt
das Buch „Dresden mon amour" das Licht der Öffentlichkeit.
Und so arbeitet Brigitte Sattelberger in ihrem 471 Seiten starken Roman nicht
nur die Erinnerungen an den Krieg und seine schmerzlichen Folgen auf, sondern
auch die Erinnerungen an die erste, an die große Liebe, die ein dramatisches
Ende nimmt. Eine Liebe, die sie mit ihren Höhen und Tiefen, ihren Hoffnungen und
Sehnsüchten viele Jahre ihres Lebens begleitet hat und die ihr auch die
Bekanntschaft mit der Staatssicherheit eingebracht hat.
Doch trotz aller Schicksalsschläge, trotz aller Niederlagen und Entbehrungen ist
der Roman keine „Abrechnung", keine Verurteilung, keine „Bewertung" aus heutiger
Sicht. Es sind Erinnerungen, Erinnerungen an rund 30 Jahre ihres eigenen Lebens
- Erinnerungen voller Schmerz und Trauer, die aber dennoch auch Platz lassen für
Erinnerungen voller Romantik. Dem Zuhörer bleibt es selbst überlassen, sich sein
Urteil zu bilden, das Gehörte für sich selbst zu verarbeiten. Und so
beherrscht zunächst die Stille den Raum, als Brigitte Sattelberger ihre Lesung
beendet. Eine Stille, die das Gehörte wirken läßt und ihm, unbewußt, noch einen
würdigen Rahmen zu verleihen scheint.

Brigitte Sattelberger kurz vor ihrer Lesung.
Die gebürtige Dresdnerin wohnt
mittlerweile seit vielen Jahren in Saarbrücken.
Foto: Judefeind |