Kapitel 19 Verrückt genug...

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Im Mannheimer Hotelzimmer lehnte sich Cornelia in ihrem Sessel zurück.

„Heute bin ich zwar eine recht anerkannte Schriftstellerin, aber glaube mir, Frank, es war ein verdammt harter Weg bis dahin. Weißt du, der Literaturbetrieb ist wie ein Haifischbecken, oder besser gesagt, wie ein klein geratenes Raubtiergehege, in dem sich der Stärkere rücksichtslos nach vorn drängt, sich Platz schafft. Die durch Fernsehen oder andere Medien bekannt Gewordenen – ob Ansagerinnen, ShowGrößen oder Sternchen, Journalisten oder Politiker –, sie alle schreiben heute Bücher, beziehungsweise nehmen sich dazu einen Ghostwriter. Allein diese AutorenKategorie nimmt einen breiten Raum ein. Sie hinterläßt eine wüstensandartige Staubfahne und erschwert das Bekanntwerden anders Schreibender. Die wirklich guten Schriftsteller und Schriftstellerinnen sind quasi Hausautoren ihrer jeweiligen Verlage. Der Rest, ein kleines Häufchen kämpferischer Naturen, steht im Streit um den durch Zufall liegengebliebenen Knochen. Mit Neid, Mißgunst und fast tödlicher Verachtung stürzt er sich auf den kleinsten Splitter. Ein mörderischer Kampf, denn auch zu Lesungen oder Shows werden hauptsächlich bekannte Größen eingeladen und herumgereicht. Wie aber sollst du bekannt werden, wenn dir dazu keine Möglichkeit geboten wird? Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Ich selbst habe es oft als demütigend empfunden, wegen einer Lesung anzufragen, nachzufragen, nochmals nachzufragen, darum zu bitten, immer wieder zu bitten; ich mußte freundlich bleiben, meine Arbeit lächelnd verkaufen und oft eine fadenscheinige Absage immer noch lächelnd quittieren. Ganz an die Spitze zu gelangen oder gar BestsellerAutorin zu werden, ist nicht nur verdammt schwer, sondern wird wohl ein Traum bleiben. Und damit endet eigentlich meine Geschichte.“

„Stell dein Licht nicht unter den Scheffel, Cornelia. Du hast viel geschafft. Mit nie versiegender Hoffnung und einem eisernen Willen.“

„Gewiß, aber es war kräftezehrend. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Weg noch einmal gehen könnte. Er ist zu steinig. Ich fühle mich manchmal so ausgelaugt, Frank. Außerdem bin ich fest davon überzeugt, daß ich es nur so weit gebracht habe, weil mir viele uneigennützige Helfer zur Seite standen. Menschen, die mir zugetan waren; andere, die sich aufgrund meiner Erzählungen – oder weil sie ein Buch von mir gelesen hatten –spontan engagierten.

Ich denke an ein junges ArztEhepaar aus dem Saarland, das ich im Zug kennenlernt habe. Sie organisierten von sich aus eine Lesung für mich in ihrem Haus. Ein für mich unvergeßlich schöner Abend. Ein Geschäftsmann und dessen reizende Frau aus Saarbrücken waren von meinen Büchern so begeistert, daß sie diese nicht nur in ihrem Schaufenster ausstellten, sondern dafür auch bei ihrer Kundschaft warben und mich nicht wie eine gewöhnliche Autorin, sondern wie eine langjährige Freundin behandelten. Besonders ihnen habe ich viel zu verdanken. Eine Nachbarin hat von meinen ersten Romanen gleich acht Stück gekauft und sie auch weiterempfohlen. Eine Juwelierin legte Bücher und Prospekte aus, ebenso mein Masseur. Alle versuchten zu helfen, mich zu unterstützen. Selbst der bekannte saarländische Schriftsteller Bernhard Schiff gab mir wertvolle Hinweise und protegierte mich ein wenig. Er führte mich in einen Literaturkreis ein, der mich jedes Jahr zu einer Lesung einlädt und in dem ich stets ein gern gesehener Gast bin."

„Sie haben dir geholfen, weil sie erkannt haben, was du geleistet und daß du etwas zu sagen hast, denke ich.“

„Ja, dank ihrer Wertschätzung und trotz meiner gesundheitlichen Probleme habe ich jede Chance nutzen können. Aber ohne diese Menschen, Leser und Leserinnen hätte ich nicht die Kraft gefunden, weiterzuschreiben. Ihr Zuspruch und ihr Wunsch nach einem weiteren Buch waren für mich stets Ansporn. Ich bin ihnen gegenüber voller Dankbarkeit, Frank.

Allein wenn ich bedenke, wie viele meiner Kolleginnen bereits vor oder zumindest nach ihrem ersten Buch aufgegeben haben, nur weil sie mit der Selbstvermarktung nicht zurecht kamen, ihnen das Geschäft zu hart und der Druck zu groß war. Denn du darfst nicht vergessen, im Gegensatz zu den großen Verlagen, die ihren Autoren und Autorinnen Honorare zahlen, müssen andere an kleine und mittlere Verlage noch Druckkostenzuschüsse abführen. Auch ich, wie bereits erwähnt, habe sogar meine Einladungen und Plakate zu Veranstaltungen selbst konzipieren und drucken lassen, was sich nicht jede leisten kann. Und außerdem ohne Computer, eine nicht zu beschreibende Arbeit.“

„Aber das mußt du doch sicher jetzt nicht mehr, und ich bin fest davon überzeugt, du wirst bestimmt noch viele Bücher schreiben, Cornelia.“