Kapitel 18 Eine Journalistin nach Wunsch

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Sie erwachte aus einem traumlosen Schlaf. Leise stand sie auf, zog das Rollo hoch und schaute in einen immer noch grauen, verhangenen JuniHimmel. Jemand klopfte leise an ihre Tür. Dagmar streckte den Kopf herein.

„Was, du bist schon auf? Da kann ich ja das Frühstück machen.“

„Gern, ich bin in zirka fünfzehn Minuten oben“, sagte Cornelia.

Der Wettergott wird Einsehen haben – redete sich Cornelia ein –, daß der Abend trocken bleiben muß und ich morgen wie vorgesehen mit Dagmar und Heinz einen kleinen Ausflug nach Annaberg, Marienberg und Olbernhau machen kann.

Am späteren Vormittag zeigte ihr Heinz stolz die PresseAusgaben mit den gut plazierten Vorankündigungen der Lesung im Ortsblatt, der Heimatzeitung und dem überregionalen Tageblatt. Die Presse selbst wird auf jeden Fall kommen, betonte er.

Es nieselte nur noch leicht, als sie abends in das kleine BurgTheater des Ortes fuhren, wo die Lesung stattfinden sollte.

Die Veranstalter hatten keine Mühe gescheut, den Besuchern einen atmosphärisch und akustisch guten Raum zu bieten. Trotzdem blieb der erwartete Andrang aus, was allen Anwesenden sichtlich peinlich schien. Enttäuschung lag auf ihren Gesichtern. Natürlich wäre auch Cornelia ein voll besetzter Saal lieber gewesen – erzwingen ließ sich das aber nicht. Nun, es wäre nicht das erste Mal, daß sie vor acht Personen lese, aber sie zählte schon fünfzehn Gäste. Ein Bühnenarbeiter richtete die Scheinwerfer neu aus, alle warteten auf den Beginn der Lesung. Aber nichts passierte, keine der Veranstalterinnen betrat die Bühne. Cornelia ging noch einmal in den Zuschauerraum hinunter; sie wußte, diese Lesung bedeutete für die Organisatorinnen ein Sprung ins kalte Wasser, hier waren VortragsAbende nicht üblich.

„Haben Sie vor, ein paar einleitende Worte zu sprechen, Frau Hill?“ fragte Cornelia vorsichtig.

Die junge Frau schaute sie mit großen, erschrockenen Augen an:

„Bitte seien Sie nicht böse, aber Sie sind diesbezüglich der erste Gast. Können Sie die Einleitung selbst übernehmen?“

Cornelia bemerkte die Nervosität der Frau unter dem Druck, unvorbereitet eine neue Rolle übernehmen zu müssen.

Du kannst sie doch nicht in Bedrängnis bringen, sagte sich Cornelia und entgegnete:

„Seien Sie unbesorgt, ich mache das.“

Frau Hill drückte ihr dankbar die Hand. Cornelia übernahm den Part, den Doktor Friedrich in Dresden gespielt hatte und fand eine gute Überleitung zu ihrem Buch. Das Theaterblut in ihr kam unverkennbar zum Vorschein. Sie erinnerte sich der Worte ihres alten TheaterMeisters: ‚Du mußt in deiner Einführung verhalten sprechen, mit halber Stimmkraft – vor allem, wenn wenig Zuschauer da sind!’ Das bedurfte keiner Anstrengung; der Rest ihrer Aufgabe bestand darin, beim Lesen hinüberzubringen, was sie einst so stark bewegt und sie auch heute noch nicht losgelassen hatte.

(Im Gegensatz zur Veranstaltung in Dresden war sie hier ausdrücklich gebeten worden, über die Machenschaften der Stasi vorzulesen. Mit dem früheren Ortsvorsteher hatten einige wohl noch eine Rechung zu begleichen, so gab es dann auch Leute im Publikum, die bei der Gelegenheit ihrer Wut Luft machten.)

Während des Vortrages aber war es im Saal derart still, daß Cornelia ab und zu beunruhigt hochschaute, um sich des Publikums zu vergewissern. Eine anwesende Journalistin schrieb später dazu:

„Und so beherrscht zunächst Stille den Raum, als die Autorin ihre Lesung beendet. Eine Stille, die das Gehörte wirken läßt und ihm Geltung verleiht ...“

Cornelia war, als traue sich keiner, mit dem ersten Wort den Bann zu brechen und durch Fragen zu stören. Was konnte sie tun, um diese Erstarrung aufzulösen?

Noch während sie darüber nachdachte, kam eine der Veranstalterinnen auf die Bühne. Sie dankte für den Vortrag und überreichte Cornelia einen wunderschönen Strauß Blumen. Cornelia begab sich in den Zuschauerraum, um den Menschen näher zu sein; tatsächlich, nach und nach brach das Eis. Die Besucher zeigten sich einmal erschüttert, dann wieder begeistert, so hatten sie sich eine Lesung nicht vorgestellt. Sie verhehlten nicht ihr Bedauern über die verhältnismäßig kleine Zuhörerschar und darüber, selbst nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt zu haben, Interessierte zu motivieren.

Na ja, es gab halt für alles ein erstes Mal. Cornelia zeigte Verständnis. Die nächste Autorin würde es sicher leichter haben und von dem Abend profitieren.

Auf der Heimfahrt sprach vor allem Heinz von seiner Begeisterung; er gestand, zuvor nicht ohne Skepsis an die Sache gedacht zu haben, doch nun sehr angetan sei.

Nach drei weiteren Tagen und Lesungen konnte Cornelia viele glückliche Eindrücke in ihrem Reisegepäck mitnehmen. Erlebnisse, von denen sie lange zehren und an die sie stets gern zurückdenken würde. Am Samstag fuhr Heinz sie zurück nach Dresden. Der Abschied fiel auf beiden Seiten schwer, aber es gab ja die Aussicht auf ein neues Wiedersehen.