Kapitel 18 Eine Journalistin nach Wunsch

Kapitelübersicht

Während sie in der Diele des Hauses stand, Hut und Mantel ablegte und mit Dagmar plauderte, kam die Jüngste von oben die Treppe herunter. Cornelia breitete die Arme aus und fing die Kleine auf.

„Hallo, Tante Cornelia“, sagte Claudia. Und dann ganz leise an ihrem Ohr: „Ich konnte mir gar nicht mehr vorstellen, wie du aussiehst. Ist das schlimm?“

„Nein. Bei meinem letzten Besuch bist du ja noch auf allen Vieren gekrabbelt, und jetzt gehst du bereits das erste Jahr zur Schule.“

„Du bist mir also nicht böse?“

„Warum sollte ich? Ich muß mich auch erst an das große Mädchen gewöhnen.“

Gleich darauf kam ihr Patenkind Lars. Aus dem Schulbuben von damals war ein siebzehnjähriger, fast erwachsener Mann geworden. Er überragte sie um einige Zentimeter Körperlänge und schüttelte ihr kräftig die Hand.

„Schön, daß du da bist, Tante Cornelia“, bemerkte auch er.

„Bist du sehr müde,“ wollte Dagmar wissen, „oder können wir nach dem Essen einen kleinen Rundgang durch den Ort machen?“

„Ich glaube, wir nehmen bei dem Wetter besser das Auto. Es gießt immer noch in Strömen“, schaltete sich Heinz ein.

Cornelia stimmte sofort zu, fürchtete sie doch – wie eine Sängerin – in diesen Tagen nichts mehr als eine Erkältung und eine heisere Stimme.

Dagmar öffnete gerade die Haustür, als das Telefon klingelte. Frau Venturini war am Apparat und wollte Cornelia sprechen:

„Gut, daß ich Sie erreiche. Wäre es möglich, daß Sie auf der Rückreise noch einmal in der Redaktion vorbeikommen? Ich möchte mit Ihnen den Text abstimmen und vor allem neue Fotos machen lassen. Meine sind nicht besonders gut geworden, ich hab’s ja gleich gesagt“, und sie lachte herzlich.

„Ich werde es einrichten.“

„Vielen Dank und nochmals Erfolg bei Ihren Lesungen.“

Seiffen im Erzgebirge hatte sich seit Cornelias letztem Besuch weiterhin zu seinem Vorteil verändert. Ein gepflegter Ort, der auch touristisch einiges zu bieten hatte, Pensionen und Hotels zogen die Blicke der Passanten auf sich. Eine weitere Attraktion war das Freilichtmuseum. Die Straßen zeigten sich in einem IaZustand. Hier ließ sich wirklich von „blühender Landschaft“ sprechen, der Wohlstand begann Einzug zu halten. Auch die Zahl der Arbeitslosen war im Verhältnis zu anderen Gemeinden niedriger. Keiner klagte, auch wenn mancher Arbeitstag mehr als zwölf Stunden betrug, oft sogar sechzehn, wie Heinz erklärte. Cornelias Freunde zeigten stolz auf das, was sie in mühevoller Kleinarbeit an ihrem Häuschen verbessert und gebaut hatten.

Nach dem Nachtessen wurde im Wohnzimmer musiziert. Heinz und ein Patenkind spielten zu Ehren der Tante alte und neue Weisen auf dem Akkordeon. Dagmar und Cornelia sangen dazu, wobei sich Claudia in ihre Arme kuschelte. Sie war ein sehr verschmustes Kind und wickelte ihre Tante ohne Anstrengung um den Finger, zumal Cornelia wenig Erfahrung hatte mit dem entwaffnenden Charme von Kindern.

Im Bett dachte Cornelia dankbar an all die Menschen, die ihr nahestanden, die ihr Kraft gaben; und froh dachte sie auch an die Fremden, denen sie in den letzten Tagen begegnet war, die ihr Offenheit und Verständnis entgegengebracht hatten.