Kapitel 18 Eine Journalistin nach Wunsch

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„Guten Morgen allerseits“, grüßte sie. Im gleichen Moment entdeckte sie Cornelia.

„Sie müssen Frau Schorn sein“, dabei streckte sie ihr die Hand entgegen und schüttelte sie kräftig. „Ich bin Carla Venturini. Entschuldigen Sie bitte, ich bin ein bissel spät dran; ein Stau. Schön, daß Sie meine Nachricht erhalten haben. Ich wurde unverhältnismäßig kurz vor Ihrer Veranstaltung – genauer gesagt, eine halbe Stunde zuvor – unterrichtet, was bei mir ziemlichen Unmut hervorrief. Mein Terminplan läßt solche Kapriolen nicht zu – ich konnte daher nicht kommen. Verärgert rief ich bei den Kollegen anderer Zeitungen an. Dasselbe dort, sie waren ebenfalls auf den letzten Drücker informiert worden. Was war der Grund dafür? Nun, ich war erst recht neugierig geworden und sicher, daß niemand erwünscht wurde. So habe ich Ihnen eine Nachricht zukommen lassen und freue mich, daß Sie es einrichten konnten, uns hier aufzusuchen. Hoffentlich hat es Ihnen keine allzu großen Umstände gemacht?“

„Nicht unbedingt. Ich befinde mich zwar bereits auf der Weiterreise zu meinen nächsten Lesungen im Erzgebirge, in Chemnitz und Plauen, aber um Ihrer Bitte nachzukommen, haben wir hier Station gemacht.“

„Das finde ich sehr nett von Ihnen, Frau Schorn. Haben Sie auch Ihr Buch dabei?“

„Gewiß!“

Die Journalistin fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wolle sie eine Haarsträhne wegstreichen.

„So etwas Blödes, ausgerechnet heute ist unsere Fotografin außer Haus. Was mache ich da nur? Ich hätte nämlich gern zum Bericht auch ein Foto veröffentlicht, kann aber leider nicht garantieren, daß meine Aufnahmen etwas werden. Tatsächlich bin ich ungeübt.“

Ihre Ehrlichkeit war entwaffnend. Überhaupt fand Cornelia diese zierliche, Lebenslust versprühende Person anziehend. Sie besaß einen natürlichen Charme, war unkompliziert und kehrte nicht ihre Machtposition heraus. Sie ging die Dinge freundlich und unverkrampft an und half Cornelia damit über die erste Hemmschwelle hinweg, die ein solches Gespräch für gewöhnlich mit sich brachte.

„Ich werde mich im Haus mal nach einer Kamera umsehen“, sagte sie und rannte los. Wie alt mag sie sein, überlegte Cornelia, Mitte Zwanzig? Die nächste Frage, die Cornelia beschäftigte: Sollte sie sich im Mantel oder dem Kostüm ablichten lassen? Während sie noch darüber nachdachte, kam Frau Venturini zurück. Sie fingerte am Verschluß der Kamera.

„Na, hoffentlich klappt das auch. Wir werden sehen, was daraus wird. Würden Sie sich bitte auf diesen Stuhl hier setzen?“

Sie schob Cornelia auf einen Bürostuhl. Der Hintergrund –eine Wand voller Aktenordner – war vielleicht nicht gerade die beste Kulisse, schoß es ihr durch den Kopf. Aber was sollte es!

Frau Venturini betrachtete Cornelia durchs Objektiv der Kamera, drehte erneut daran herum, irgend etwas mußte sie stören.

„Ich glaube, es ist besser, wenn Sie den Mantel ausziehen. Dann sieht es zumindest so aus, als gehörten Sie in dieses Zimmer.“

„Gern.“

Cornelia entblätterte sich. Das wird im Leben nichts, dachte sie still!

Frau Venturini schien ebenfalls Zweifel zu haben, drückte dann aber mutig mehrmals auf den Auslöser.