Kapitel 17 Auf Reisen

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Cornelia ließ den Leuten Zeit; nach zwei weiteren Minuten bat sie um Fragen, womit die Diskussion eröffnet war.

Lob, Anerkennung und Zustimmung lag in den Redebeiträgen der Leute, die sich darauf bezogen, was Cornelia über die Zerstörung Dresdens und anderes zu schildern gewußt hatte. Nur die zwei Männer versuchten, Cornelia mit Fragen in die Enge zu treiben. Fragen, die besonders höflich und zuvorkommend gestellt schienen, was aber Cornelia nicht täuschen konnte. Sie glaubte genau zu wissen, was hinter diesen Stirnen vor sich ging, auch wenn ihre diesbezüglichen Erfahrungen Jahrzehnte zurücklagen. Es gibt Dinge im Leben, die sind wie eingemeißelt. Sie spürte ihren Unmut aufkommen. Am liebsten hätte sie den beiden die Maske vom Gesicht gerissen, die eigenen Vermutungen ihnen ins Gesicht geschleudert. Durfte immer noch nicht frei gesprochen werden, obwohl die Redefreiheit ein Bürgerrecht geworden war? Cornelia haßte Heuchelei, auch wenn das manchmal eine Art Kunst war, mit der jeder sich selbst und andere betrügen konnte.

Sie registrierte jedes doppelzüngige Wort, beim geringsten falschklingenden Ton schlug in ihr nicht nur ein Glöckchen an, nein, es läuteten sämtliche Glocken der Stadt in ihrem Hirn. Besonders der ihr näher Sitzende, der mit der schiefen Nase, versuchte sie einige Male aus der Fassung zu bringen. Tief Luft geholt und die Zähne aufeinandergebissen, sah sie ihn direkt an, ohne mit der Wimper zu zucken, so, wie sie früher ihren StasiMann angesehen hatte, wenn sie ihn anlog.

Menschen sind manipulierbar, das wußte sie gut. Aber es gab Wahrheiten, die schwer zu widerlegen waren, auch das wußte sie. Am Ende sahen wohl die beiden ein, nichts ausrichten und Cornelia nicht wirklich ängstigen zu können.

Doktor Friedrich sagte:

„Ich finde, Sie haben sich prachtvoll geschlagen. Es war alles gut, und ich hoffe, Sie sind zufrieden.“

Sie war’s, und sie war’s auch nicht. Die herbe Enttäuschung, daß es – wie eigentlich versprochen – keine Werbung in den Zeitungen und anderen Medien gegeben hatte und gerade mal ein läppisches Plakat an der Tür der Bibliothek hing, das auf ihre Lesung hinwies, ertrug sie nur infolge ihres unglaublichen, ja fast unerschütterlichen Selbstbewußtseins. Die Verantwortlichen hatten ihr unmißverständlich klargemacht, daß man mit Nichtstun sehr viel tun konnte, nämlich jemanden mundtot machen. Cornelia mußte erkennen, daß die Kader und Seilschaften weiterlebten und nach wie vor ihre Hand im Spiel hatten. Und das war für sie das Erschreckendste.

Einige Frauen fanden noch den Weg zu ihr, als sich der Saal bereits zu leeren begann. Sie sprachen über persönlich Erlebtes und zeigten sich angetan von der RomanLektüre. Blumen wurden ihr überreicht. Mehrere Frauen umarmten Cornelia spontan, spätestens da wußte sie sich ihnen zugehörig, trotz der Kränkungen. Sie fühlte sich aufgenommen, heimgekehrt und unsagbar glücklich.

Eine der Bibliotheksangestellten überreichte ihr einen Zettel, auf dem Name und Rufnummer einer Journalistin notiert waren. Sie bat Cornelia, sich am nächsten Morgen gegen 10:00 Uhr in der Redaktion einer größeren Tageszeitung einzufinden und ihr Buch mitzubringen.

Eine letzte Unterhaltung mit Doktor Friedrich, in deren Verlauf sie ihm für seine Mühe und Unterstützung dankte, dann gab es ein freundliches Auf Wiedersehen nach allen Seiten. Achim, ihr Cousin, wartete bereits mit den Verwandten, um Cornelia nach Hause zu fahren.

Kurz vor 24:00 Uhr fiel sie müde, aber glücklich ins Bett.

Sie lag auf dem Bauch, den rechten Arm angewinkelt unter die Brust geschoben, die linke Gesichtshälfte auf das schmale Kopfkissen gedrückt. Sie zog ein Resümee: Endlich war sie heimgekehrt, ohne mehr ihren Blick voller Zorn in die Vergangenheit richten zu müssen. Dresden, ihre alte Heimat, war für sie auch in der Fremde ein leuchtender Stern gewesen, mal heller, mal in milchig weißen Nebel gehüllt. Oft waren ihre Gedanken in all den Jahren zurück in diese Stadt geeilt, zu den Freunden, Verwandten, den Straßen und Plätzen ihrer Kindheit und Jugend. Ab jetzt konnte sie wieder frei und unbeschwert all die Schönheiten dieser Stadt genießen, und dafür war sie unendlich dankbar.