Kapitel 17 Auf Reisen

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Sie wurde das Gefühl nicht los, daß er gern noch etwas erklärt hätte, aber doch lieber schwieg.

„Dann darf ich Ihnen einen schönen Tag in Dresden wünschen. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich mich bereits verabschiede. Ich habe noch einen Termin wahrzunehmen. Außerdem möchte ich mich für den heutigen Abend vorbereiten.“

„Selbstverständlich. Also, dann auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen, Frau Schorn.“

Cornelia konnte die Kürze der Besprechung nur recht sein. Somit blieb ihr Zeit, in der wenige Meter entfernten Nordsee zu Mittag zu essen. Von dort aus schlenderte sie zu Fuß über die Augustusbrücke in Richtung Schloß, wo sie das wiedererbaute TaschenbergPalais (jetzt Hotelkette Kempinski) besichtigte. Die neu hergestellten Brunnen am Eingang nahm sie als erstes in Augenschein, bevor sie durch das Portal in das Innere des Hotels trat. Die unübersehbare PolizeiPräsenz zum Schutz der Gäste störte sie allerdings.

„Vornehm, vornehm!“ murmelte sie und wußte, hier eine Nacht zu verbringen, das wäre nicht übel.

Sie erbat die Preisliste und mußte sich kleinlaut eingestehen, daß sie in diesem Haus nur als BestsellerAutorin würde absteigen können.

Am Postplatz besuchte Cornelia zwei Buchhandlungen, um sich den Leiterinnen vorzustellen. Ihr Verleger hatte ihr mitgeteilt, mehrere hundert Exemplare nach Dresden geschickt zu haben. Ihr Herz vollführte wahre Luftsprünge, als sie das erste Geschäft betrat und auf einem der vorderen Tische gleich mehrere Exemplare ihres Romans entdeckte. Auch in der zweiten Buchhandlung nahmen sie einen respektablen Platz ein.

Gut gelaunt und in jeder Beziehung optimistisch, fuhr sie mit der Straßenbahn zurück zu Isolde und Günther, die bereits mit Erdbeertörtchen und Kaffee auf sie warten.

Als Cornelia abends vor der Neustädter Bibliothek aus dem Auto stieg, sah sie eine junge Frau auf und abgehen. Sie hielt einen wunderschönen Strauß Nelken in Händen. Als sie näher kam, erkannte Cornelia in der Passantin die liebenswürdige Meißner Porzellanmalerin, mit der sie in Saarbrücken ins Gespräch gekommen war und die mehrmals geschrieben hatte.

„Frau Schorn, ich freue mich, Sie wiederzusehen, und möchte Ihnen diese Blumen überreichen. Ihr Buch ist einfach phantastisch und zu Herzen gehend. Ich habe es schon mehrere Male verliehen. Ich wünsche Ihnen für den heutigen Abend viel Erfolg.“

Cornelia war ergriffen. Sie freute sich über die Geste und wandte sich erst ab, als ihre Freundinnen Traudel und Margit sowie Verwandtschaft eintrafen. Der Saal begann sich langsam zu füllen, zuletzt zählte Cornelia mehr als vierzig Personen, zu achtzig Prozent waren es Frauen. Presseleute konnte sie allerdings nicht ausmachen. Unter den männlichen Gästen gab es zwei, die in ihr ein undefinierbares Gefühl hervorriefen. Der eine Mann hatte hervorstehende Wangenknochen, eine leicht schiefe Nase und zwei große Augen, die Cornelia mit Eiseskälte musterten. Der andere Mann war untersetzt, seine ungewöhnlich kurzen Arme ruhten wie Dampfhämmer im Schoß, seine Zunge strich von Zeit zu Zeit selbstzufrieden über die Unterlippe. Cornelia erschien der Ausdruck dieser beiden Männer, die eine Art verbohrte Gleichgültigkeit zur Schau trugen, hinterlistig und gefährlich. Sie blickte gelangweilt in ihre Gesichter und ging doch wie zu früheren Zeiten automatisch in HabAchtStellung. Was wollten sie hier? Was hatten sie vor? Ihr blieb keine Gelegenheit, weiter darüber nachzudenken, denn Doktor Friedrich begann mit seinen einführenden Worten. Dann war sie an der Reihe. Sie begrüßte die Gäste und bedankte sich bei ihrem Vorredner sowie der Institution für die Einladung, bevor sie mit der eigentlichen Lesung begann. Ihre Sprache war kühn und doch voller Leben, aus ihren Gesten sprühte die Glut der Leidenschaft. Am Ende herrschte Stille.