Kapitel 17 Auf Reisen

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Es war immer das Gleiche. Beim Überqueren der Elbbrücke hätte sie vor lauter Freude weinen mögen. Da lag es vor ihr, ihr Dresden, die Brühlsche Terrasse, das Schloß, die SemperOper, das italienische Dörfchen. Ganz einfach die Heimat ihrer Kindheit, ihrer Jugend.

Auf dem Bahnsteig standen winkend ihre Cousine Isolde und ihr Cousin Achim. Während Isolde sonst stets die erste war, die auf sie zukam, blieb sie heute in gebührendem Abstand von mindestens zwei Metern stehen und wehrte bei Cornelias Näherkommen sogar deren Umarmung ab. Was bedeutete das? Achim erklärte:

„Wir freuen uns riesig, daß du da bist. Leider haben Isolde und Günther die Grippe. Sie möchte dich nicht anstecken.“

Ach, du lieber Himmel, bloß nicht krank werden, schreckte Cornelia auf. Eine belegte oder nicht hörbare Stimme, gar eine Erkältung, das war das Letzte, was sie sich auf dieser Lesereise leisten konnte. Dabei gehörte sie ja eigentlich zu den Menschen, die sofort dreimal hier riefen, wenn jemand in der Umgebung von zehn Metern auch nur nieste.

Isolde wußte das, und so hielt sie auch im Auto entsprechend Distanz. Für Cornelia war Isolde wie eine Schwester, und es fiel ihr daher schwer, sie nicht zu umarmen und zu drücken. Aber sie merkte auch, wie schlecht es der Cousine ging. Die geröteten, verquollenen Augen und die geschwollene Nase sowie die Hustenattacken taten das ihre. Sie sah richtig elend aus.

Cornelias Entschluß stand fest: Sie würde so wenig Unruhe wie möglich ins Haus bringen, sondern Isolde entlasten, indem sie zum Essen ausging. Sie kannte zu gut Isoldes Bedürfnis, alle zu bemuttern. Bei ihrem letzten Besuch ließ sie sich das mit Freuden gefallen, aber jetzt durfte sie die Cousine einfach nicht überfordern. Um jegliche Ansteckungsgefahr zu vermeiden, wurde Cornelia sogar in einem Appartement einquartiert, was die Kirche zur Verfügung gestellt hatte.

Als sie im Bett lag, eilten ihre Gedanken zu Peter nach Saarbrücken. Ihr Mann war in letzter Zeit nicht mehr der Stabilste, es fiel ihm von Mal zu Mal schwerer seine Frau wegfahren zu lassen. Auf der anderen Seite wußte er natürlich, was von dieser Reise für sie abhing. Ihr größter Wunsch: die Menschen ihrer alten Heimat sollten nicht nur ihr Buch, sondern auch sie annehmen, wie eine verlorene Tochter, die nach Jahren zurückkehrt. Ruhe durchzog ihr Herz, und sie wußte, es würde alles gut gehen. Ihr Domizil war die Kirche, nebenan wohnten ihre Verwandten, und so überließ sie sich einfach dem Schicksal und seinem Lauf.

Gegen 7:00 Uhr morgens erwachte sie. Der Himmel zeigte sich in Grau. Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben. Es gibt Dinge im Leben, die sehen wir nur mit den Augen, und Dinge, die fühlen wir nur mit dem Herzen, dachte sie. An einem Tag wie diesem zum Beispiel: Für Cornelia lachte die Sonne. Sie war glücklich, obwohl der Himmel alle Schleusen öffnete und es aus Kübeln goß. Für sie ließ der Himmel die Welt in allen Regenbogenfarben erstrahlen, wie sie manchmal glaubte, in der dunkelsten Nacht Sterne leuchten zu sehen. Es war unbegreiflich und verwirrend zugleich. Sie räkelte sich und stand auf. Sie wollte gerade die Wohnungstür ihrer Verwandten aufschließen, als Günther ihr entgegenkam:

„Guten Morgen, Cornelia. Ich habe dich kommen hören. Hoffentlich hast du gut geschlafen bei dem Wetter?“

„Danke, wie in Abrahams Schoß.“

„Leider ist das Wetter entsetzlich.“

„Ach, das macht nichts. Wie geht es dir und Isolde?“

„Gott sei Dank, wesentlich besser.“

„Das freut mich.“

„Hallo, Conny“, rief Isolde ihr aus der Küche zu. Es duftete einladend nach frisch aufgebrühtem Kaffee. Der Frühstückstisch war liebevoll gedeckt, knusprige Brötchen lockten.