Kapitel 17 Auf Reisen

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„Ein sehr interessantes Thema, wie mir scheint. Sind Sie aus Sachsen? An Ihrer Sprache ist das nicht zu erkennen.“

Blödmann, empörte sie sich stumm. Wer in Sachsen geboren ist, muß doch nicht automatisch sächseln.

„Ja, ich bin gebürtige Dresdnerin.“

„Aha!“

„Sind Sie auch geschäftlich unterwegs?“ fragte Cornelia.

„Ich war bei meiner Mutter in St. Wendel zu Besuch und fahre jetzt zurück nach Leipzig. Ich bin seit zwei Jahren dort Dozent an der Uni. Wie Sie sich vorstellen können, gibt es da unheimlich viele Lücken zu schließen, und ich muß meinen Studenten allerhand beibringen“, betonte er.

Ihre innere Protesthaltung wollte sich nicht legen. Die Aussage des Mannes klang arrogant und blieb zweideutig. Wollte er den Lehrer und Professorenmangel andeuten oder gar ausdrücken, daß man denen da drüben überhaupt erst einmal Wissen beizubringen habe und nicht nur Wissenslücken zu schließen hätte. Die Ausbildung in der ehemaligen DDR konnte als gründlich und sehr gut bezeichnet werden, davon war sie nach wie vor überzeugt. Okay, nach der Wiedervereinigung rückten andere Fächer in den Vordergrund: Wirtschaftswissenschaft & Co. Aber keiner konnte die Studierenden deshalb als blöd einstufen. Ihrer Meinung nach verhielten sie sich sogar aufgeschlossener und lernwilliger als vielleicht die in den alten Bundesländern. Das in früheren Jahren auf dem sozialistischen Lehrplan andere Fächer standen, dafür konnten die Studenten nichts. Cornelia ertrug die Überheblichkeit und Besserwisserei mancher Wessis nur sehr schwer. Das Solidaritätsgefühl mit ihren Landsleuten und die eigenen Erfahrungen mit dem Bildungssystem der DDR ließen sie in eine hitzige Debatte mit dem Dozenten geraten, wobei die Meinungen mehr als einmal als völlig gegensätzliche im Raum standen. Cornelia fürchtete schon eine Eskalation, als ihr Gegenüber völlig unmotiviert fragte:

„Hätten Sie Lust, mit ins Restaurant zu gehen?“

„Ja, ich wollte dort sowieso zu Mittag essen.“

Cornelia war überzeugt, daß dieser Vorschlag nicht an Frau Niemand ergangen wäre.

Das leicht gereizte Klima legte sich während des Essens. Der Mann erzählte, es gefalle ihm in Leipzig eigentlich sehr gut, ja, er hege sogar die Absicht, dort zu bleiben:

„Wissen Sie, in Leipzig herrscht neben der anderen Mentalität auch eine größere Freizügigkeit. Im Saarland gibt es meines Erachtens nur Spießer. Das kleinste Land mit der größten Verschuldung. Dabei bildet man sich auch noch ein, das Gelbe vom Ei zu sein, ja sogar die Brücke zum vereinten Europa. Das ich nicht lache! Nein, das ist nicht mein Fall.“

Cornelia konzentrierte sich mehr auf ihr Essen. Seine Meinung war ihr zu suspekt. Sie teilte sie in vielen Dingen nicht, wollte aber keine weitere Diskussion bestreiten.

Als der Herr Dozent in Leipzig ausstieg – nicht ohne ihr Erfolg zu wünschen –, war sie froh, die letzten anderthalb Stunden Ruhe zu haben. Selbst das Wortgeplänkel zuletzt war ihr anstrengend erschienen, und die von ihm zum Besten gegebenen Anekdoten hatten sie gelangweilt.

DresdenNeustadt. Nun dauerte es nur noch wenige Minuten bis zum Hauptbahnhof. Sie trat ans Fenster und schaute hinaus.