Kapitel 16 Lesung im Kleinen Theater

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Sie hatte nichts von alldem vergessen. Sie war nicht mehr auf diesem Podium, die Zeilen blieben nicht mehr auf dem Papier, das Lesen wurde nicht zum Ablesen. Ereignisse, Emotionen, Fakten sprachen, und die Zuhörer und Zuhörerinnen gingen mit, sie litten und freuten sich. Als sie geendet hatte, lag einige Sekunden lang Stille im Raum, dann klatschten die ersten, und alle fielen ein.

Später, nach der Diskussion, näherte sich Cornelia ein Mann mit den Worten:

„Bitte entschuldigen Sie, daß ich nicht geklatscht habe.“

„Ich bitte Sie, das habe ich erstens gar nicht wahrgenommen, und außerdem steht es doch jedem frei, Beifall zu bekunden oder nicht.“

„Nein, so dürfen Sie das nicht verstehen, Frau Schorn. Ich war von der Art und dem Thema Ihres Vortrages so ergriffen, daß es mir verfehlt schien, zu applaudieren oder diese Schrecken zu beklatschen.“

„Ich verstehe – und ich danke Ihnen. Ihre Worte sprechen für sich. Ich finde meinen Vortrag geehrt.“

Magdalena, Ursula, Dorothea und andere, die ihr die Daumen gedrückt hatten, zeigten sich begeistert.

Und Cornelia selbst? Sie schwebte auf Wolke Sieben – trunken vom Augenblick des Erfolgs. Sie fühlte sich an diesem Abend so unternehmungslustig wie früher zuzeiten ihres Theaterspiels, das sie so glücklich gemacht hatte. Lebensfreude und Lebensgefühl erfüllten sie wieder, in einem Maße, daß es ihr sogar ein wenig Angst machte. Ihre Gedanken eilten zu ihren Eltern – sie hatte den ersten Teil ihres eigenen Versprechens erfüllt und murmelte: „Ich hoffe, Ihr seid zufrieden.“ Sie bedauerte, daß Peter sich von ihrem Glück distanzierte. War es doch ein Abend, der für sie unvergeßlich blieb, ihr die Kraft geben würde, ihre schriftstellerische Arbeit fortzusetzen. Allein wenn sie daran dachte, wie viele Menschen ihr in letzter Zeit Briefe geschrieben und ihre Herzen darin geöffnet hatten, weil sie durch Cornelias Leidensgeschichte den Zugang zu ihren verschütteten Erfahrungen wiedergefunden hatten – allein das löste Freude in ihr aus und gab neuen Mut.