Kapitel 16 Lesung im Kleinen Theater

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Für den stolzen Preis von einhundertsechzig Mark kann eine das wohl erwarten, relativierte sie still die Komplimente. Gut, der Salonbesitzer kam aus Paris, verteidigte sie den Preis vor sich selbst, aber schon wieder wanderten ihre Blicke zur Uhr. Wenn sie Glück hatte, erreichte sie gerade noch den 12:00 Uhr Bus. Samstags fuhren diese Vehikel nur stündlich. Ein genialer Einfall war das nicht gerade, die Leute davon zu überzeugen, ihr Auto daheim stehenzulassen. Mit langen sportlichen Schritten ereichte sie den Bus in letzter Minute.

Aus Gründen der Zeitersparnis gab es zu Mittag einen leichten Eintopf, der nur aufgewärmt werden mußte. Die Nachmittagsstunden vergingen beim Wäschebügeln wie im Flug. Fast hätte sie die Zeit vergessen. Sie warf sich in ihr neues rotes Kleid – einen schicken Zweiteiler von Louis Ferraud – und fand sich umwerfend. Magdalena hupte. Sie wartete im Auto, und Peter wünschte ihr nur noch viel Glück. Leider bekundete er keine Absicht, dem Heimspiel beiwohnen zu wollen. Wollte er ihren triumphalen Erfolg – etwas anderes kam für sie überhaupt nicht in Frage – lieber ignorieren statt mitzufeiern? Oder fürchtete er einen Reinfall? Sie war sich da nicht sicher, aber eine Blamage würde er gewiß nicht mit ihr teilen wollen.

Cornelia stieg am kleinen Theater aus, während Magdalena sich auf die Parkplatzsuche machte. Sie hörte ihren Namen rufen und drehte sich um. Vor ihr stand Dorothea, eine Feministin, die extra aus ihrem französischen Feriendomizil angereist war, Cornelia zu unterstützen und zu feiern. Die Überraschung war gelungen, Cornelia freute sich unbändig. Sie hatte Dorothea bei einem der ClubAbende näher kennengelernt, als diese sie in temperamentvollspontaner Art bei der Hand genommen und gefragt hatte:

„Hätten Sie nicht Lust, mit mir gemeinsam ein Literaturseminar bei der VHS zu besuchen?“

„Oh ja, natürlich habe ich Lust. Da gäbe es sicherlich etwas Neues für mich zu hören. Aber im Gegensatz zu Ihnen bin ich leider nicht motorisiert, woran vieles scheitert.“

„Ist das Ihr einziges Problem? Sie können gern mit mir fahren, zumal wir ja nicht weit voneinander entfernt wohnen.“

Auf diesem Wege kamen sie sich allmählich näher, vor allem durch die Gespräche, die sie während der Hin und Rückfahrten führten.

Cornelia lernte Dorothea als sehr warmherzige Frau kennen und mußte das flüchtige Bild erster Eindrücke revidieren. So burschikos wie Dorothea oft auftrat, vehement ihre Meinung vertretend, konnte sie doch in gleichem Maße sensibel und offen auf andere zugehen. Vielleicht ergänzten sie sich deshalb so fabelhaft, sinnierte Cornelia. Sie selbst strahlte Ruhe aus und urteilte eher zurückhaltend, während die Kollegin sie durch ihre Spontaneität in vielen Dingen einfach mitriß. Beide empfanden ihre Freundschaft als eine Bereicherung.

Cornelias Augen hatten zu glänzen begonnen. Da standen so viele Zuhörer und Zuhörerinnen, warteten auf ihr Erscheinen und darauf, daß sie einige wichtige Passagen aus „Schatten der Vergangenheit“ mit eigener Stimme vorlas. Der Leiter des Theaters stellte Cornelia durch ein paar einführende Worte dem Publikum vor. Da setzte ihr Lampenfieber ein, die Kehle schien wie zugeschnürt. Sie griff nach dem für sie reservierten Wasserglas, ohne noch auf dem Podium ihren Platz eingenommen oder einen vollständigen Satz gesagt zu haben. Aber schon spürte sie sich eine andere werden: Sie reiste in die Vergangenheit zurück, atmete wieder den Geruch der Kulissen ein und hörte ihren alten Theaterdirektor sagen:

„Ein Wort kann vielerlei besagen, mein Kind, du mußt dem nur Stimme verleihen, und schon kommt Trauer auf, Freude, Sehnsucht, Liebe, Heiterkeit, Schmerz. Dein Wort kann wuchtig wie ein Donnerhall wirken oder von Anmut und Eleganz zeugen. Sprache und Stimme können Augen, Ohren und Geist öffnen, die Menschen gewinnen oder abstoßen. Wozu hat Gott uns sonst den Gesang der Sprache gegeben? Lege dein Herz darein, und du wirst sprechen.“