Kapitel 15 Die Kritik spielt auf

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In diesem Moment klingelte ein angekündigter PresseFotograf, um ein paar Fotos zu schießen. Für ihn stellte das Ambiente schon eher ein Problem dar. Wie sollte er in dem Chaos zu ein paar guten Schnappschüssen kommen? Während sich Frau Wollbrecht verabschiedete, fand er schließlich doch einen Platz und bat Cornelia, verschiedene Posen einzunehmen: stehend, dann sitzend, mit und ohne Buch in den Händen, Profil zeigend. Er war mit dem Ergebnis zufrieden und verabschiedete sich alsbald.

Alle Freunde und Bekannte, die Cornelia in der Kürze der Zeit telefonisch erreichen konnte, hörten am Nachmittag das RadioFeature. Danach stand bei Cornelia das Telefon nicht mehr still; auch Fremde riefen an und erkundigten sich, ob das Buch vorrätig und die Geschichte tatsächlich autobiographisch gehalten sei. Selbst die Leute im Ort sprachen Cornelia am nächsten Tag sowohl auf das Interview als auch auf den Zeitungsartikel an. Obwohl sie doch schon seit fünfunddreißig Jahren hier wohnte, vermittelten ihr die Leute erst jetzt das Gefühl, eine der ihren zu sein; sie fühlte sich eingemeindet als ihre Schriftstellerin.

Der vom Schriftstellerverband Dresden vorgesehene Termin für ihre Lesung Ende Februar 1995 blieb ohne Bestätigung. Cornelia hakte bei dem Referatsleiter nach. Herr Schlageter begründete in einem Telefongespräch, weshalb man habe umdisponieren müssen. Wegen gehäufter städtischer Feierlichkeiten in dem Monat solle die Lesung nunmehr im April stattfinden. Was konnte, was sollte sie dazu sagen, außer:

„In Ordnung, ich bin einverstanden.“

Vielleicht haben sie wegen der Kritik kalte Füße bekommen, dachte Cornelia noch während des Gesprächs. Möglich wäre es ja! Laut äußerte sie ihr Verständnis für die Terminverlegung, aber leise verbot sie sich, den wahren Grund dafür in bösen Absichten zu vermuten. Aber sie war clever genug zu erwähnen, daß die First Lady des Landes Sachsen bereits eine Einladung von ihr erhalten habe. Das entsprach zwar den Tatsachen, doch hatte Cornelia keinen definitiven Termin genannt, was sie jetzt ebenso für sich behielt wie die Entscheidung, ihren Lektor unbedingt nach den wahren Hintergründen für die Verschiebung befragen zu wollen. Nach allem, was der von ihr wußte, konnte er sich ausrechnen, daß, wenn ihr Verdacht sich erhärtete, sie hartnäckig genug war, die Angelegenheit nicht auf sich beruhen zu lassen und das Spiel mitzuspielen.

Woche um Woche verging, bis man ihr mitteilte, daß bedauerlicherweise eine weitere Verschiebung des Termins vorgenommen worden war. Das endgültige Datum lautete nun auf den Monat Juni. Also genau in der sauren Gurkenzeit, da begannen in dem Bundesland bereits die Schulferien. Aber Cornelia blieb optimistisch hinsichtlich eines Publikums.

Die Feuertaufe des Romans fand somit nicht in ihrer Heimatstadt Dresden, sondern im „Kleinen Theater“ in Saarbrücken statt. Im Kulturjournal und dem Theaterspiegel lief die Werbung bereits an und die Tagespresse informierte mehrmals über ihre Lesung.

In der Zwischenzeit blieb sie keineswegs untätig. Es gab keinen Rundfunk oder Fernsehsender, den sie nicht auf ihr Buch aufmerksam machte. Sie scheute sich auch nicht, den Literaturpapst persönlich anzuschreiben – immerhin dreimal, jedoch ohne eine einzige Antwort zu erhalten. Entweder landeten ihre Schreiben in den falschen Abteilungen oder gleich im Papierkorb. Außer dem WDR, Radio Köln und den Sendern in den neuen Bundesländern hielt es keiner für nötig, auf ihre Schreiben zu reagieren. Die großen Zeitungen und Journale wie der Spiegel, Focus et cetera zeigten sich ebenfalls nicht interessiert. Eine Autorin ohne Namen, dazu eine Frau, was konnte mann da schon erwarten? Eine traurige Bilanz, aber Cornelia ließ sich nicht entmutigen: Nur die wagt, gewinnt!