Kapitel 15 Die Kritik spielt auf

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An einem dieser Abende rief eine Rundfunkjournalistin an:

„Entschuldigen Sie, wenn ich jetzt noch störe. Darf ich Sie als Zeitzeugin zum Bombenangriff auf Dresden am 13./14. Februar 1945 befragen und Sie zu ihrem Buch interviewen? Ich müßte allerdings schon morgen früh kommen, da es bereits mittags gesendet werden soll.“

„Gern. Ich habe allerdings den Anstreicher da, wenn Sie das Durcheinander im Haus nicht stört?

„Nein, nein, das macht gar nichts.“

„Gut, dann bis morgen.“

Peter war gegen dieses Interview. Er meinte, sie solle sich das jetzt nicht zumuten, sie wäre krank genug.

„Ich werde es trotzdem machen. Ich fühle mich dazu verpflichtet, über jene Zeit auszusagen. Bitte versteh das!“

„Mach was du willst, dir ist eh nicht zu raten“, knurrte er.

Wohl fühlte sich Cornelia nicht mit ihrer Zusage. Hinzu kam die Baustelle im Haus, in der Küche waren sämtliche Regale und Bilder abgehängt, Malereimer, Kleister und neue Tapeten standen überall herum. Die Teppiche lagen zusammengerollt auf dem Flur, nur im Wohnzimmer sah es nicht ganz so wild aus. Nun, sie hatte A gesagt, jetzt mußte sie auch B sagen.

Peter schlief noch. Er hatte bis spät nachts gearbeitet, und Cornelia schaute nervös nach draußen, um der Journalistin leise die Tür öffnen zu können. Sie war aufgeregt. Schließlich gab sie heute ihr erstes Interview. Ihr Hals war trocken. Sie spürte einen Kloß. Gierig trank sie mehrere Gläser Wasser.

„Hoffentlich habe ich keinen Blackout und kann auf alle Fragen ruhig und besonnen antworten“, sagte sie laut.

Nur die Ruhe, Cornelia, das schaffst du mit links, wiederholte sie die beruhigenden Worte ihres Vaters von früher, wenn in der Schule wichtige Abschlußarbeiten auf sie warteten.

In der Toreinfahrt hielt ein Auto, aus dem jetzt eine junge Frau mit großer Umhängetasche stieg und gleich darauf klingelte. Die Uhr zeigte gerade 8 Uhr 30, als Cornelia die Tür öffnete.

„Guten Morgen. Ich komme vom Rundfunk und heiße Wollbrecht. Wir haben gestern abend zusammen telefoniert.“

„Bitte, treten Sie ein. Fallen Sie nicht über die Teppiche.“ Cornelia führte die Journalistin durch die Diele ins Wohnzimmer, dirigierte sie dann in die Eßecke, die fast noch wohnlich wirkte.

„Entschuldigen Sie dieses Tohuwabohu, bitte, nehmen Sie Platz.“

„Machen Sie sich keine Gedanken, Frau Schorn. Wenn man die Handwerker im Haus hat, steht halt nicht alles an seinem gewohnten Platz. Das ist für mich kein Problem.“ Sie packte ihre Unterlagen aus und stellte das Mikrofon zurecht. Als sie Cornelias Nervosität bemerkte, sagte sie:

„Keine Bange, das Ding beißt nicht. Reden Sie mit mir, als seien wir befreundet und unterhielten uns über normale Dinge.“

Sie machte eine Sprechprobe und begann dann, ihre Fragen zu stellen. Cornelias Stimme zitterte ein wenig, besonders, wenn sie gegen Tränen anzukämpfen hatte. Erst nach einer Weile flossen die Worte wieder.

„Na, wer sagt’s denn! Das hat doch gut geklappt, Frau Schorn. Finden Sie nicht auch?“