Kapitel 15 Die Kritik spielt auf

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Außerdem war ein Verriß immer noch besser als gar keine Kritik, sagte sie sich. Du bist weder die erste, noch wirst du die letzte sein, deren Werk man durch den Wolf dreht. Das haben schon ganz andere zu spüren bekommen. Es gab so manchen Komponisten, der bei der Uraufführung seines Werkes ausgebuht wurde oder dessen Publikum unter Protest den Saal verlassen hatte, was viel schwerer zu verkraften war. Also verbat sie sich weitere Gedanken an diesen Vorfall. Schluß aus!

Aber woher sollte sie wissen, ob nicht ausgerechnet dieser Kritiker Mitglied des Verbandes war, der sie nach Dresden eingeladen hatte? Und ob er ihr nicht weitere Stolpersteine in den Weg legen würde.

Im Gegensatz zum Bericht der roten Socke standen die Buchkritiken anderer Zeitungen. In ihrer Wahlheimat wurde ihrem Buch sogar eine halbe Seite gewidmet, nebst Bild der Autorin. Nach weiteren Berichten flatterten Cornelia bald Angebote zu Lesungen ins Haus.

Im Februar 1995 berichteten nahezu alle Fernsehkanäle über Dresden vor fünfzig Jahren und über die Zerstörung einer der schönsten Barockstädte Deutschlands.

Cornelia fürchtete sich vor den Filmen, den Archivbildern, den Berichten, die in diesen Tagen ausgestrahlt wurden. Trotzdem saß sie jeden Abend vor dem Fernseher und schaute, was sie am eigenen Leib am 13./14. Februar 1945 durchlebt hatte. Das Hinsehen erlebte sie wie einen Zwang, der fast einer Todessehnsucht gleichkam und gegen die sie nicht ankam. Sie zuckte zusammen, wenn auf dem Bildschirm die Sirenen heulten, wenn die Bomben einschlugen, sie riß jedes Mal automatisch die Arme hoch, um ihren Kopf zu schützen und sich zusammenzukauern – wie damals. Sie hatte sogar das Gefühl, Kalk im Mund zu spüren, dem Ersticken nahe zu sein, die unerträgliche Hitze auf ihrer Haut wahrzunehmen, die Hilfeschreie der Verschütteten und der vor ihren Augen in den Feuersturm gezogenen Menschen zu hören. Sie mußte die Jacke ausziehen, die Bluse aufknöpfen. Die Zähne schlugen wie im Schüttelfrost aufeinander, und sie verschränkte ihre Hände ineinander, wenn sie am ganzen Leib zu zittern begann. Ein lautes Hinausschreien dieser Todesangst hätte vielleicht Erlösung gebracht. Selbst das gelang ihr nicht. Als Peter einmal ihren Zustand gewahrte, fragte er:

„Soll ich abschalten? Das hält ja kein Mensch aus. Es wäre besser für dich, du würdest dir das alles nicht immer und immer wieder ansehen.“

Aber sie konnte nicht antworten, starrte gebannt auf diese Feuersbrunst und konnte sich nicht davon lösen. Sie nahm außer den brennenden Häusern und den herumirrenden Menschen nichts um sich herum wahr. Auch nicht, daß Peter aus seinem Sessel aufstand und zu ihr trat, um über ihr Haar zu streichen, das nicht nur zu Berge stand, es knisterte förmlich vor elektrostatischer Aufladung.

„Du darfst nicht mehr an diese schrecklichen Erlebnisse denken“, sagte Magdalena, Peters Tochter, als sie zu Besuch kam und Peter ihr erzählte, wie er im Versuch, Cornelia zu berühren, zusammengezuckt war. „Bitte, es ist alles vorbei!“

Die anderen hatten gut reden. Natürlich waren zwischenzeitlich nicht weniger als fünfzig Jahre vergangen. Aber Cornelia wurde von grauenvollen Bildern im Schlaf überfallen, die sie im Würgegriff hielten. Da waren sie wieder, die Hilferufe der Eingeschlossenen, die Schreie ihrer Freundin Ina, die den Flammen entgegenstürzte, um ihre Mutter zu suchen. Sie sah die Menschen, die mit ihren Schuhen im durch Hitzeentwicklung verflüssigten Asphalt steckenblieben und bei lebendigem Leib verbrannten; die Kinder, die nach ihren toten Müttern riefen. Und wie vor fünfzig Jahren wachte sie nachts wieder schreiend auf. Erst nach drei Wochen gelang es ihr, ohne Beruhigungsmittel Schlaf zu finden.