Kapitel 15 Die Kritik spielt auf

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„Trotzdem bitte ich dich, beruhige dich erst einmal. Ich nehme an, daß mir heute oder morgen ein Exemplar der Ausgabe zugehen wird. Ich danke dir jedenfalls für deinen Anruf. Der Artikel wird mich somit nicht mehr unvorbereitet treffen, bis dahin habe ich den ersten Schock überwunden.“

„Mach dir bloß nichts draus aus diesem Geschmiere, Conny! Worüber du geschrieben hast, ist richtig und wahr. Schließlich gehöre ich zu denen, die es teilweise selbst miterlebt haben. Weißt du, ich glaube, das ist einer, der Angst vor Gefühlen hat und nicht in der Lage ist, sie überhaupt auszudrücken, geschweige denn zu Papier zu bringen. Er hat meines Erachtens nichts, aber auch gar nichts vom Inhalt deines Buches verstanden. Weißt du, was ich außerdem befürchte“, hier stockte sie eine Sekunde, als könne jemand mithören, „er gehört zur alten Garde. Wie kommt er sonst dazu, die Machenschaften der Stasi so zu verharmlosen.“

„Das ist nicht auszuschließen, Margit.“

„Bestimmt“, hielt sie an ihrer Vermutung fest. „Sei nicht böse oder traurig, Conny, aber ich mußte dich einfach anrufen.“

„Im Gegenteil, ich danke dir für deine Vorwarnung. Es ist fast wie in alten Zeiten!“

„Okay! Tschüß, Cornelia. Ich denke an dich und grüße bitte Peter von mir. Im Eifer des Gefechtes habe ich ganz vergessen, nach ihm zu fragen.“

„Danke, ich werde ihm deine Grüße bestellen.“

So ruhig, wie sie sich Margit gegenüber am Telefon gab, war sie keineswegs. Die Nachricht rumorte gründlich in ihr. Da hat dich Genossin Gayer in Dresden ganz schön ausgetrickst, meine Liebe, hielt sie sich vor Augen. Es war empörend, vor allem, da Frau Gayer noch während des letzten Telefonats im Januar fest zugesichert hatte, das Buch selbst zu lesen und zu rezensieren. Von wegen! Das Buch schien an einen KritikerFunktionär weitergereicht worden zu sein, und der mußte sich wie ein Habicht auf seine Beute gestürzt haben.

Zwei Tage später brachte der Briefträger einen Stapel Post. Darunter gab es Briefe mit unbekannten Absendern und auch das erwartete Zeitungsexemplar. Zuerst öffnete sie die Briefe, die erkennbar aus ihrer alten Heimat stammten: Zeitungsleserinnen, die ihrer Empörung über den Artikel Ausdruck gegeben hatten. “...Ärgern Sie sich bitte nicht, denn der Artikel zeugt von einer unverschämten Kampagne gegen Sie, weil Sie sich erlaubt haben, einige Wahrheiten ins rechte Licht zu rücken ..., oder ... Das kann nur die Schmiererei einer „roten Socke“ sein, lassen Sie sich bitte nicht beirren. Ein Protestbrief an die Zeitung ist unterwegs ... Immerhin druckte die Zeitung in ihren nächsten Ausgaben einige dieser Leserbriefe ab.

Cornelia las die Briefe zwei, manche sogar dreimal. Ihre Landsleute gaben ihr Kraft zum Durchhalten. Sie war froh darüber, um so mehr, als sie dann den Zeitungsartikel selbst gelesen hatte. Der Verriß, mochte er noch so groß sein, traf sie nicht mehr so, wie er es ohne diese aufmunternden Stimmen getan hätte. Sie behielt ihren Abstand bei, wußte sie sich doch des Volkes Seele näher. Sie erinnerte sich eines Satzes, der besagte: Spötter und Kritiker können unbarmherzig sein. Aber am Ende lachte sie sogar, da sie es als Kompliment betrachtete, mit Erich Kästner, Martin Walser und der beliebten Schriftstellerin Hedwig Courths Mahler in einem Topf gelandet zu sein. Sie wäre glücklich, reichten die Verkaufszahlen ihres Buches annähernd an die Erfolge dieser Schriftsteller und Schriftstellerin heran. Als ihr Verleger anrief und sich wütend über die Kritik äußerte, gelang es ihr sogar, ihn zu besänftigen. Was war schon passiert? Ein Kritiker hatte seine persönliche Meinung kundgetan, und die brauchte keineswegs mit der ihrer Leserinnen und Leser konform gehen.