Kapitel 14 Das Erstlingswerk

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Obwohl es in seinen Augen verdächtig funkelte, setzte er sich in seinen Sessel zurück und bat: „Erzähl bitte weiter. Ich würde gern wissen, wo dein Verleger das Buch zum ersten Mal vorgestellt hat. Darüber habe ich leider nichts gelesen.“

„Ich wollte gerade darauf zu sprechen kommen. Zu meinem größten Bedauern und der Verwunderung anderer hat er es offiziell überhaupt nicht vorgestellt. Ich weiß nicht, ob du dir ein Bild davon machen kannst, wie groß meine Enttäuschung war.“

„Du hast ihn doch bestimmt darauf angesprochen?“

„Sicher! Angeblich sei so etwas eine Kostenfrage. Leider hatte ich damals keinerlei Erfahrung, um die Sache selbst in die Hand nehmen zu können. Also mußte ich mich damit zufrieden geben. Allerdings habe ich meinen Lektor darüber unterrichtet.

Der Postbote brachte mir daraufhin zwei besondere Weihnachtsüberraschungen. Ich erhielt die Einladung zu einer Lesung, von einem Literaturverband, der eine Veranstaltung zum fünfzigjährigen Gedenken der Zerstörung meiner alten Heimatstadt Dresden plante. Die zweite Überraschung bestand in einem Brief von der First Lady Sachsens. Sie übermittelte mir Glückwünsche und würdigte mein Engagement, über die „Schatten der Vergangenheit“ geschrieben zu haben.

Ein Brillantring hätte mir keine größere Freude bereiten können, als diese beiden Briefe. Der Schriftführer des Verbandes bat mich außerdem um ein Portraitfoto und meine Vita. Beides sollte zur Werbung für die Veranstaltung dienen. Die Lesung würde also in einem größeren Rahmen stattfinden. Bis dahin blieben mir allerdings noch Monate.

Um meinem BuchSäugling das Laufen beizubringen, hatte ich mich erst einmal selbst auf Trab zu bringen. Ich mußte eine öffentlichkeitswirksame Strategie entwickeln und das Buch selbst managen, wenn der WerbeEtat meines Verlegers keine großen Sprünge zuließ. Die Illusion, nur unter Frau Holles Torbogen treten zu müssen, um die Straße mit goldrichtigen Beziehungen gepflastert zu finden, hatte ich mir längst abgeschminkt. Was also konnte ich tun, damit sich der Titel meines Romans den Leuten einprägte, ihre Neugier weckte und das Buch selbst wie ein Taler am Wegrand aufblitzte? Ich kopierte den Buchumschlag nebst Inhaltsangabe fünfhundertmal. Tatsächlich boten sich einige Geschäftsleute an, die Werbung in ihren Läden auszulegen. Mit den restlichen Kopien bin ich buchstäblich auf Leserinnen und Leserfang gegangen. An manchen Tagen fühlte ich mich wie der Rattenfänger von Hameln. Ich flötete Bekannten, Mitfahrenden wie auch völlig fremden Menschen an BusHaltestellen etwas vom Buch vor, sobald ich nur die geringste Chance witterte, jemandes Ohren öffnen zu können.“

„Ich kann mir lebhaft vorstellen, daß diese persönliche Ansprache das Zündendste überhaupt war. Wir werden doch von Reklame und Werbung tagtäglich überflutet, automatisch blendet man die Reize aus, um dann nur noch mit Mühe das wahrzunehmen, was für einen selbst von Belang ist.“

„Genau! Ich stellte mir also vor, daß die Leute neben meiner Ansprache auch ein Erinnerungszeichen benötigten, um nicht den Titel beim Aussteigen schon wieder zu vergessen. Meine Tasche war deshalb prall gefüllt mit selbst gefertigten und immer wieder kopierten Handzetteln, die Titel und Klappentext sowie ein paar Sätze zu meiner Person enthielten. Vielleicht lag es an meinem Charme, vielleicht erweckte ich manchmal Mitleid – keine und keiner verhielt sich abweisend. Im Gegenteil, die meisten Menschen zeigten sich aufgeschlossen bis interessiert. Einige riefen sogar später bei mir zu Hause an und fragten, ob mein Angebot zum Signieren noch stünde und ob ich zu einem Treffen bereit wäre.“