Kapitel 14 Das Erstlingswerk

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„Vielen Dank, Frau Schorn“, sagte die Dame. „Fachpersonal von heute ist auch nicht mehr so geschult wie früher, sonst würden solche Fehlauskünfte nicht zustande kommen.“

„Es ist Weihnachtszeit, da kann so etwas schon einmal passieren“, versuchte Cornelia zu beschwichtigen. „Wenn ich Ihnen das Buch signieren soll, rufen Sie mich bitte an. Hier ist meine Visitenkarte. Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest.“

„Danke, ich Ihnen auch, Frau Schorn.“

Cornelia fühlte sich fast wie ein Profi. Bevor sie ging, bat sie die Verkäuferin, bei weiteren Auskünften gegenüber Kunden unbedingt die kurze Lieferfrist zu erwähnen. Zwischen drei und vierzehn Tagen lag schließlich ein beachtlicher Unterschied. Solche eine kaufabschreckende Information galt es in den anderen Buchhandlungen gleich im Keim zu ersticken, nahm sie sich vor.

Da es bis zum Fest nur noch zehn Tage waren, bat eine stattliche Anzahl von Käuferinnen Cornelia, das Buch persönlich zu signieren. Fast täglich verabredete sie sich mit mehreren Interessentinnen in der Stadt und fühlte sich wie Alice im Wunderland. Sie wünschte sich sehr, daß ihr Buch auf vielen saarländischen und vor allem sächsischen Schreib und Nachttischen zu finden wäre. Sie würde ihre persönliche Kraft und Zeit dafür einsetzen, damit diese Vorstellung Wirklichkeit werden konnte.

Ein Exemplar schickte sie sofort an die KulturReferentin nach Dresden. In Saarbrücken setzte sie sich mit einer Journalistin und einem Redakteur in Verbindung und übergab ihnen je ein Rezensionsexemplar. Damit dachte sie, alles in ihrer Macht Stehende getan zu haben. Für weitere Buchbesprechungen würde ja wohl der Verleger mit seinen Verbindungen zur Branche sorgen!

Es war bereits zu spät, als sie erfuhr, daß die Presse anders tickte. Viele führende Zeitungshäuser veröffentlichten Rezensionen über Neuerscheinungen nur in den ersten drei Monaten nach Herausgabe eines Buches; selbst ihr Verleger schien das nicht gewußt zu haben. Ein irreparables Desaster! Wenn einige Anschreiben, die Cornelia verfaßt hatte, nicht sofort auf dem richtigen Schreibtisch gelandet waren, hieß es dann lapidar: „Leider zu spät!“

Im Mannheimer Hotelzimmer unterbrach Cornelia ihre ausführliche Erzählung.

„Ich glaube, Cornelia, kaum eine deiner Leserinnen oder Leser kann sich vorstellen, wieviel Arbeit und Ängste hinter all deinen damaligen Bemühungen steckten. Ohne professionelle Unterstützung ein Buch zu lancieren, bedarf schon unglaublicher Anstrengung“, sagte Frank Mayer teilnahmsvoll. „Bevor du fortfährst, was darf ich dir als Dessert bestellen, Cornelia?“ Sie hatten das Essen längst beendet.

„Einen Eisbecher mit heißen Kirschen und Sahne, wenn möglich.“

„Du bist mir vielleicht ein Schleckermäulchen. Aber bei deiner Figur kannst du dir so etwas ohne Reue leisten.“

„Ich denke schon.“

Das Dessert war eine Augenweide, und sie ließ die Kirschen mit Eis genüßlich im Munde zergehen.

„Möchtest du mal probieren, Frank? Einfach phantastisch“, wobei sie mit der Zunge über die Oberlippe fuhr und „Hm“ sagte.

Das sollte gar nicht so kokett ausfallen, wunderte sie sich. Ein Teufelchen schien die Hand im Spiel zu haben. Ungefährlich war das jedenfalls nicht, aber soo schön. Frank rückte denn auch etwas näher. Er ließ sich den Löffel reichen und probierte.

„Ja, ausgezeichnet“, meinte er, wobei sein Gesicht dem ihren plötzlich sehr nahe kam. „Danke, es schmeckt wirklich fein.“