Kapitel 11 Ein zweiter Versuch

Kapitelübersicht

Eines Morgens war Ursula gerade zugegen, als Cornelia die Post hereinholte und öffnete.

„Stellen Sie sich vor, Ursula, da sind drei, nein, vier Verlage, die sich für „Schatten der Vergangenheit“ interessieren, den Roman gut finden und auch veröffentlichen wollen. Was sagen Sie nun?“ platzte Cornelia heraus. „Nicht zu glauben, so nah am Ziel zu sein.“

„Ich freue mich mit Ihnen. Nach all den Absagen wäre es einfach wunderbar.“

Das dicke Ende war jedoch beigefügt: ein Kostenvoranschlag für Druck und Aufwandsentschädigung; ein Angebot zur Beteiligung an den Druckkosten in Höhe von DM 10.000 bei Gesamtkosten von DM 42.000. Da konnte sie nur sagen: „Ich glaub’, mich tritt ein Pferd.“

Sie war weder Rockefellers Tochter noch Spitzenverdienerin im Ballsport. Als Frührentnerin stand ihr nur ein geringes Budget zu. Schlagartig zerplatzten alle Illusionen wie Seifenblasen, die Freude zerrann wie Butter in der Sonne. Wie sollte es weitergehen? Sollte sie aufgeben?

Nein und nochmals Nein! Sie war überzeugt, daß ihr Manuskript ein gutes Buch darstellte, eines, das die Wahrheit erzählte in Schmerz und Glück, eines, wo tiefe Gefühle im Vordergrund standen.

Wenn sie sich abends ins Bett legte, dann sagte sie mehrere Male laut den Satz:

„Ich werde einen Verleger finden, ich werde mit Presse und Funk über mein Buch reden und Interviews geben!“

Wieder ein Gang zum Briefkasten – zwei Absagen, ein zurückgesandtes Manuskript und ein dünner Umschlag des Moritzburger Verlags. Sie war so nervös, daß ihr der Brieföffner aus der Hand glitt. Endlich – und die Buchstaben begannen vor ihren Augen zu verschwimmen:

„... Ihr Manuskript paßt sehr gut in unser Rahmenprogramm. Was ich an Textseiten gelesen habe, gefällt mir. Obwohl mich die sechshundert Seiten zuerst erschreckten, möchte ich es drucken und herausbringen ...“

Ein Verleger, der keine Kürzung, keine ExtraAktion oder Sex erwartete, sondern ihren Roman so wollte, wie er war. Ihre Knie zitterten. Sie ging mit dem Brief ins Wohnzimmer und las ihn wieder und wieder. Währenddessen zerkochten auf dem Herd die Kartoffeln. Sie bemerkte den Schaden erst, als es verdächtig nach Angebranntem roch. Aber was bedeutete dieses kleine Malheur gegen die Freude, die ihr Herz durchzog. Sie mußte das Glücksgefühl unbedingt mit jemandem teilen. Peter war außer Haus, also rief sie Ursula, dann Martha an. Nach so vielen Absagen, nun eine definitive Zusage. Drei weitere Verlage zeigten tags darauf Interesse und baten um das Manuskript. Sie konnte also in Ruhe überlegen, ob sie die Konditionen des Moritzburgers akzeptieren wollte. Darunter fiel ein Lektoratszuschuß, den sie an den Verlag zu zahlen hatte für die Manuskriptüberprüfung und Bearbeitung. Der Betrieb sei nur ein mittleres Unternehmen und arbeite mit viel Idealismus, hieß es. Obgleich der geforderte Betrag weit unter dem der übrigen Anbieter lag, zögerte sie und bat um einige Wochen Bedenkzeit.