Kapitel 11 Ein zweiter Versuch

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Einige ostdeutsche Verlage interessierten sich zwar durchaus für ihr Thema, aber sie kämpften ums Überleben und waren nicht bereit, eine Zusage zu geben. Ihre Wirtschaftslage hatte sich nach der Wende derart verschlechtert, daß sie ihre Existenz über das Jahr 1995 hinaus als gefährdet sahen. Ein Leipziger Verlag schrieb:

„... Erschwerend kommt hinzu, daß sich fast der gesamte Buchhandel des Regierungsbezirkes Dresden in westdeutscher Hand befindet und sich seit 1991 weigert, Bücher unseres Verlages in den hiesigen Buchhandlungen anzubieten. Die ablehnende Haltung wurde gerade unlängst bekräftigt, so daß sogar die Bestseller des Verlages da nicht zu sehen sind ...“ oder orig.

Wie aus einigen Schreiben indirekt hervorging, trafen Teile ihres Romans, die Bomben auf Dresden thematisierten, immer noch auf ein Tabu auch in ostdeutschen Verlagshäusern.

Wie unterschiedlich ihr Werk von den Lektoren beurteilt wurde, konnte sie daraus ersehen, daß die Skala der Urteile von zu sachlich, nüchtern bis zu emotional geladen reichte.

Mit den Lektoren war es im Grunde genommen wie mit dem Lotteriespiel: Gelangte das Manuskript zum richtigen Zeitpunkt auf den richtigen Schreibtisch, kam das einem Sechser im Lotto gleich. Andernfalls half lediglich ein medienbekannter Name plus Sponsor, und alles war geritzt. Selbst bekannt werden setzte aber auch eine Chance dazu voraus, und hier biß sich die Katze in den Schwanz.

Wieder traf ein Ablehnungsschreiben ein. Diesmal kannte ihre Wut und Empörung keine Grenzen. Sie setzte sich an die Schreibmaschine und versuchte mit einem Brief, aus ihrem Herzen keine Mördergrube zu machen. Der Verlag hatte unter anderem seine Absage damit begründet, daß der Großteil der Leser bedauerlicherweise nur auf sex & crime fixiert sei. In einem Volk von Dichtern und Denkern, schrieb sie jetzt, mußte es doch auch Menschen geben, die Lektüre mit entsprechendem Unterhaltungswert und Niveau suchen. Oder? Voller Genugtuung warf sie ihr Schreiben in den Briefkasten, ohne mit einer Antwort zu rechnen. Doch siehe da, wenige Tage später erreichte sie eine Reaktion des Verlags.

„... verstehen wir Sie vollkommen. Auch teilen wir Ihre Meinung, aber bitte bedenken Sie Niveau und Anspruch der heutigen Generation; es gibt Lesegewohnheiten und neue Leserwünsche, denen wir uns anzupassen haben. Die Kosten für Raummiete, Gehälter, Werbung ...“

Das war ein Argument, dem sie sich nicht verschließen konnte. Die TVProgramme zeigten ja auch zu 80% Totschlag, Krieg und Sex. Auf Filme und Berichte mit Niveau traf man nur zu später Stunde, da schlief ein Großteil wirklich Interessierter bereits. Wieso sollte sie sich daher noch aufregen!

Monate gingen ins Land. Als die achtzigste Absage eintraf, sagte Peter:

„Gib auf, Cornelia! Du siehst doch, daß keiner an deiner Geschichte interessiert ist. Niemand will sie drucken und veröffentlichen.“

Konnte er sich denn nicht ein Mal in ihre Lage versetzen? Sie in den Arm nehmen, trösten, aufmuntern? Aber er stand streng vor ihr und schaute sie strafend an, weil eintraf, was er immer behauptet hatte. Trotz stieg in ihr auf.

„Nein, ich werde nicht aufgeben, Peter! Ich kann nicht von einem fahrenden Zug abspringen. In diesem Werk stecken zuviel Kraft und Tränen. Ich gehe den Weg bis zum Ende, selbst wenn es ein bitteres werden sollte. Schreibt auch der einhundertdreißigste Verlag ab – dann werden wir weitersehen.“

So stark sie sich auch äußerlich gab, jede Absage machte sie um eine Hoffnung ärmer, ein wenig verzweifelter. Sie zog sogar in Erwägung, ihr Manuskript unter einem männlichen Pseudonym einzureichen. Es schien immer noch so zu sein, daß Männer größere Chancen hatten aufgrund angeblich besserer Einfälle. Was zwar nicht stimmte, aber die zumeist männlichen Lektoren goutierten wohl nur das als Idee, was von ihresgleichen stammte.