Kapitel 11 Ein zweiter Versuch

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Im stillen hatte sie gehofft, ihr Lektor könne ihr eventuell mit Tips oder Verlagsanschriften weiterhelfen. Er bekannte, daß seine Verbindungen durch die Umstrukturierungen in den Ostverlagen so gut wie erloschen waren. Das hieß: Selbst ist die Frau. Sie hatte diesen Weg beschritten, also mußte sie sehen, wie es weiterging.

Auch Ursula fragte: „Was wollen Sie jetzt unternehmen? Sie haben ein fertiges Manuskript , aber keinen Verleger.“

„Das stimmt. Ich werde mir etwas einfallen lassen müssen, auch wenn ich noch nicht weiß was.“

„Sie schaffen es, davon bin ich fest überzeugt.“

Cornelia verbrachte täglich mehrere Stunden in den Buchhandlungen, saß auf einem Hocker inmitten einer leseinteressierten Kundschaft, blätterte in einem dickbändigen Exemplar, das alle Verlage namentlich verzeichnet enthielt. Von den Verlagen, die sie zwecks ihres Buches anzuschreiben gedachte, legte sie eine Liste in alphabetischer Reihenfolge an.

Es war Oktober, merkbar begann das vorweihnachtliche Geschäft; Leser und Leserinnen als auch Schenkfreudige stürzten sich auf die HerbstNeuerscheinungen des Buchmarktes; die Frankfurter Buchmesse hatte gerade erst stattgefunden. Unweit von Cornelia stand eine junge Frau, neben ihr ein Lolly lutschender kleiner Junge, der sich die klebrigen Finger an seinem Mantel abrieb. Die Mutter des Jungen war so in ihre Lektüre vertieft, daß ihr das dauernde Schnuffeln des Kindes ebenso entging wie die Tatsache, daß der Kleine mit jedem Schritt über seine offenen Schnürsenkel stolperte. Cornelia beunruhigte beides. Sie winkte den Kleinen zu sich, putzte ihm die Triefnase, band seine Schnürsenkel fest und schickte ihn dann zu seiner Mutter zurück.

Nach mehr als einer Woche hatte sich Cornelia endlich zum Buchstaben „Z“ durchgeackert. Mit der Niederschrift ihrer einhundertfünfunddreißigsten Verlagsanschrift beendete sie zufrieden ihre Liste, glaubte sie doch, alle belletristischen Verlage erfaßt zu haben. Daß unter dieser Sparte auch Musik und andere Verlage rangierten, ahnte sie nicht.

Als sie Peter von ihrem Vorhaben berichtete, diese Unternehmen anzuschreiben, erklärte er sie für verrückt. Ursula dagegen rief – während die Wasserspülung rauschte, die Bürste ihre Kreise zog, und es anschließend im Bad nach Zitronenfrische duftete:

„Ich finde es toll, mit welchem Elan Sie an die Sache herangehen. Sie schaffen es dieses Mal, Frau Schorn.“

Ursulas Zuversicht tat gut und machte ihr Mut, denn Mut brauchte sie weiß Gott zu diesem Unternehmen.

Die nächsten Tage waren ausgefüllt mit stundenlangem Stehen am Kopiergerät eines großen Kaufhauses. Fünf Kopien fertigte sie an, mehr ließ ihr Geldbeutel nicht zu.

Die Kopien waren für die großen Verlage bestimmt, andere erhielten einen Brief mit Angebot, Inhaltsangabe, Vita und Klappentext. Eine teure Angelegenheit, das Ganze. Sie zahlte bei dieser Aktion nicht nur ideell, sondern auch materiell viel Lehrgeld. Sie mußte alsbald feststellen, daß eine Manuskriptzusendung nur dann sinnvoll war, wenn ein Verlag sie anforderte. Ein unerbetenes Manuskript schien oft bereits beim Posteingang wieder auf dem Fließband der Rücksendungen zu landen. Manchmal mit einem vorgedruckten Anschreiben versehen – ohne Unterschrift –, wo lediglich die Adresse des Empfängers eingesetzt worden war. Es gab allerdings auch Kurioses: Da wurde der Erhalt eines Manuskriptes bestätigt, das sie nie eingesandt hatte.

Nicht die Ablehnungen waren die Tiefschläge, die kränkten, sinnierte Cornelia. Bedrückend empfand sie die Arroganz der Verlage, die ihre Zusendung mit keiner Antwort würdigten. In der literarischen Branche hatte sie humanistische Bildung vorausgesetzt. Aber diese anonymen Rücksendungen – wenn überhaupt – trafen doch ins Herz. Und am Ende fragte sie sich, ob ihr ganzer Einsatz tatsächlich die Bedeutung hatte, die sie ihm beimaß. Schließlich rettete oder verlängerte sie damit kein Leben. Oder? Sie geriet in einen tiefen Zwiespalt. Sie hatte sich eine Aufgabe gesetzt, die anscheinend nicht umsetzbar war.