Kapitel 11 Ein zweiter Versuch

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Cornelia eilte in die Stadt. Es goß in Strömen, aber sie durfte keine Zeit verlieren. Bis zu ihrer Rückreise blieben genau drei Tage. Die Anzeige mußte in den Druck gehen; Isolde versprach, die eingegangen Offerten nach Saarbrücken weiterzuleiten.

In der Anzeigenannahme mußte sie den vorgefertigten Text in ein Formular übertragen. Die zuständige Mitarbeiterin studierte ungewöhnlich lange jedes Wort.

„Ob wir den Text in dieser Form annehmen können, weiß ich nicht zu sagen“, bemerkte sie.

„Wieso? Ist damit etwas nicht in Ordnung?“

„Ich bin mir nicht sicher, das kläre ich durch Rückfrage. Der Text könnte mit unseren Interessen kollidieren.“

Verdammt! Was bedeutete das? Sie suchte einen Lektor für ein dreihundertfünfzig Manuskript, wieso sollte das mit den Interessen der Zeitung kollidieren? Hatte sich denn hier seit DDRZeiten gar nichts geändert? Cornelia wurde langsam wütend und verstand die Aufregung nicht. Zwanzig Minuten saß sie nun hier, ohne daß etwas geschah. Endlich kam die Angestellte zurück:

„Es geht in Ordnung. Der Text kommt am Sonnabend.“

Na also! Warum erst dieses Theater, überlegte Cornelia beim Verlassen des Zeitungsverlages.

Bei ihrer Rückkehr nach Saarbrücken war Ursulas erste Frage:

„Hat es mit der Annonce geklappt, Frau Schorn?“

„Ja. Jetzt können wir nur hoffen, abwarten und Tee trinken – wir nehmen natürlich Kaffee.“

„Ich bin so aufgeregt, als wäre es mein eigenes Manuskript!“ Drei Tage später kam ein dicker Brief aus Dresden, in dem sich zwei weitere befanden. Cornelias Neugier stieg. Der erste war von einer Lehrerin. Sie bot sich zur Überprüfung der Rechtschreibung an; für ihre Zwecke also ungeeignet. Der zweite – dem Briefkopf nach von einem Doktor Friedrich, Mitglied des Schriftstellerverbandes – enthielt ein Angebot, ihr Manuskript zu redigieren und zu korrigieren. Mit ihm würde sie Kontakt aufnehmen. Er schien der richtige Mann zu sein.

Die finanzielle Seite konnte Cornelia schnell klären, und der Vertrag war perfekt. Doktor Friedrich versicherte so zu redigieren, daß ihr Werk als ihr Werk erkennbar bleibe. Dem Unternehmen Schatten der Vergangenheit stand nun so gut wie nichts mehr im Wege. Dachte sie! Ihre Mogelei bei den Manuskriptseiten kam jetzt als Bumerang auf sie zurück, denn Herr Friedrich verlangte den Text zweizeilig.

Das hast du nun davon, wenn das Ei klüger sein will als die Henne, wußte eine Stimme in Cornelia. Sie ergab sich in ihr Schicksal, setzte sich an die Schreibmaschine und hämmerte Seite für Seite herunter, bis sie den Schlußpunkt auf Seite sechshundertachtzig setzte.

In den Monaten, in denen Herr Friedrich mit ihrem Werk beschäftigt war, begann Cornelia bereits, einen neuen Roman zu schreiben. Es war wie ein Fieber, daß sie gepackt hielt. Allerdings hatte sie sich einen dicken Wälzer zugelegt, mit dem Vorsatz, ihn auch zu studieren: „Grundlagen und Techniken der Schreibkunst.“

Ohne ein Fundament an Wissen über Romane, Kurzgeschichten, Prosa, Gedichte et cetera würde sie künftig nicht mehr auskommen. Wie bei jedem anderen Arbeitsgebiet auch, mußte sie hier ihr Grundwissen erweitern, wenn das, was sie schrieb, Anerkennung finden sollte. Zwischendurch verfaßte sie Gedichte und mehrere Zeitungsartikel – es war eine besonders kreative Zeit.

Im Juli erhielt sie das redigierte Manuskript zurück. Der Lektor hatte weitere Umschreibungen gekürzt, einige ganz gestrichen, doppelte Ausführungen in eine verwandelt, Passagen, die besonders viel Gefühl aufwiesen, waren verschwunden. Es tat weh, aber sie sah ein, daß sie ohne diese Kürzungen keine Chance hatte, das Manuskript unterzubringen. Was sie beruhigte: Am Inhalt selbst hatte er so gut wie nichts verändert. Da er mehrere, wenn auch vor allem wissenschaftliche Bücher geschrieben hatte, vertraute sie auf sein Urteil. Für sie hieß es nun erneut, ihre Schreibmaschine zu malträtieren. Alles mußte noch einmal ins Reine geschrieben werden, bevor sie dieses „Kunstwerk“ von sechshundert Seiten den Verlegern präsentieren konnte.