Kapitel 11 Ein zweiter Versuch

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Ursula kam an diesem Tag einige Minuten früher, und Cornelia nahm ihren ganzen Mut zusammen:

„Sie wissen, daß ich in letzter Zeit ununterbrochen an der Schreibmaschine gesessen habe“, begann sie. „Ein Manuskript über dreißig Jahre meines Lebens ist entstanden. Dinge, die einfach zu Papier gebracht werden mußten. Ich würde es Ihnen gern während Ihrer Arbeitszeit vorlesen, wenn Sie einverstanden sind. Darf ich Sie als meine erste Zuhörerin gewinnen und anschließend um Ihre ehrliche Meinung bitten? Oder mute ich Ihnen zuviel zu?“

Ursula machte ein derart überraschtes Gesicht, setzte sich erst einmal hin, so daß Cornelia sich fragte, ob sie einen Fehler gemacht hatte. Vielleicht war Ursula an ihrer Lebensbeichte gar nicht interessiert!

„Sie sagen ja gar nichts, Ursula?“

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Frau Schorn. Daß Sie mir ein so großes Vertrauen entgegenbringen, macht mich froh und stumm zugleich. Wenn Sie wirklich wollen; ich höre Ihnen gern zu. Fangen Sie an!“

Das ließ sich Cornelia nicht zweimal sagen. Ihr Vortrag löste bei beiden ein Wechselbad der Gefühle aus – die Taschentücher gingen aus und sollten bald im Zehnerpack gekauft werden.

Bei den nächsten Arbeitstreffen ging Cornelia gewöhnlich nach der ersten Halbzeit in die Küche, um die Kaffeemaschine in Gang zu setzen. Eine Extraportion war fällig, mit der sich die beiden Frauen stärkten. Im allgemeinen blieb es beim Kaffee. Hin und wieder gehörte allerdings auch Kuchen dazu. Ungewöhnliche Situationen erfordern bekanntlich ungewöhnliche Maßnahmen. In diesen aufreibenden Wochen interessierte sich weder die eine noch die andere für die eigene Linie oder das Körpergewicht. Da zählte lediglich das seelische Befinden, und das konnte allein durch süße Sachen im Gleichgewicht gehalten werden.

Nebenbei war Teamwork angesagt, wenn sie das Pensum auf beiden Ebenen meistern wollten. Cornelia entschloß sich spontan, das Fensterputzen zu übernehmen und den Staubsauger zu bedienen. Dadurch bewältigten sie ihre Doppelbelastung problemlos bis zu Peters Rückkehr. Er haßte Unordnung, somit auch Putztage, und machte sich dann regelmäßig aus dem Staub. Derlei Dinge hatten seiner Meinung nach unsichtbare Geister zu erledigen. Ursula aber litt und heulte mit Cornelia ganze Passagen lang, wie sie sich bei glücklichen Ereignissen freuen konnte. Am Ende meinte Ursula:

„Egal was kommt, Sie müssen das durchstehen, Frau Schorn. Es ist die Geschichte Ihrer Generation. Wer sollte darüber schreiben, wenn nicht die, die es hautnah erlebt haben. Sonst wird es nur Nacherzählungen geben. Ich drücke Ihnen fest die Daumen, Sie müssen einfach einen Verleger finden!“

„Ihre Worte in des Himmels Ohr, Ursula.“

Eingedenk des Lektor-Ratschlages setzte sich Cornelia erneut an die Schreibmaschine und nahm Kürzungen bei Landschaftsbeschreibungen und anderen, ihrer Meinung nach nicht ganz so wichtigen Passagen vor, die allerdings insgesamt noch nicht einmal 50 Seiten ausmachten. Denn alles übrige war für sie wichtig. In ihrer Verzweiflung entschloß sie sich zu einer anderen Variante oder besser gesagt Mogelei: Sie schrieb das neue Manuskript nicht wie bisher eineinhalbzeilig, sondern nur einzeilig. Mit den herausgenommen fünfzig Seiten und dem kleineren sowie engeren Schriftbild reduzierte sich das Ganze von sechshundertdreißig auf dreihundertfünfzig Seiten. Mit der geringeren Seitenzahlangabe hoffte sie, einen Lektor eher überzeugen zu können, am liebsten einen von drüben, der sich mit den geschilderten Verhältnissen auskannte.

Im September 1992 war es soweit. Wieder besuchte sie ihre Cousine Isolde in Dresden. Als diese von ihrem Problem hörte, unterbrach sie Cornelias Redeschwall:

„Wir besitzen einen Annoncen-Gutschein von der Zeitung. Du kannst selbstverständlich davon profitieren. Wir haben keine Verwendung dafür. – Schau, da ist er.“