Kapitel 10 Reise in die Heimat

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„Gehen Sie über den Hof“, wurde ihr diesbezüglich die Richtung gewiesen. Sie öffnete die schmale Tür eines engen Holzverschlages mit PlumpsKlo. Kein Papier, aber jede Menge Fliegen schwirrten umher. Der Boden war derart verdreckt, daß sie selbst mit dem Gürtel zwischen den Zähnen den Hosenrock keinesfalls hätte herunterziehen können. Der bestialische Gestank rief ihr ein Würgen hervor, so daß sie schnell das Weite suchte. Sie hätte gern über die Komik der Situation gelacht – wäre ihr Bedürfnis nicht so dringend gewesen. Die übrigen Gäste schien das alles nicht zu stören, für sie hatte man ja sogar die Welt mit Brettern vernagelt. Cornelia hoffte, in Meißen auf der Albrechtsburg mehr Glück zu haben.

Ihre letzte Besichtigung dieses einstmals prächtigen Bischofsitzes lag mehr als vierzig Jahre zurück. Ihre Blicke wanderten über die Altstadt. Leider gab es auch hier verfallene, verlassene Häuser, besonders in den engen Gassen. Die Fensterläden hingen schief in den Angeln. Die Dächer waren nur noch halb mit Schindeln bedeckt. Meißen, einst eine blühende Stadt, lag jetzt fast tot und verlassen! Ganze Straßenzüge, die dem Verfall ausgesetzt waren, wenn nicht bald Hilfe eintraf, um sie zu sanieren und aufzubauen. Sie verließen diese trostlose Stätte und fuhren – die Weinberge auf der anderen Seite der Elbe betrachtend – weiter in Richtung Dresden.

Tagtäglich machte Cornelia Notizen, damit nicht in Vergessenheit geriet, was diese schnellebige Zeit schon morgen an Neuem behaupten und eben dazu ausradieren würde. Klar, dachte Cornelia, so wie es jetzt war, durfte und würde es nicht bleiben. Aber wir Menschen müssen mit den Veränderungen wachsen können, und dazu gehört, daß wir unsere Wurzeln nicht vergessen. Um so wichtiger schien ihr, sich das Jetzt zu vergegenwärtigen, es in Worten festzuhalten, die schon in wenigen Jahren dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen und die aktuellen Wünsche nach Veränderung verständlich machen könnten. Dieses Land war für viele Außenstehende vierzig Jahre in Lethargie und Agonie gefallen. Jetzt würde es hier aufwärtsgehen, die Wirtschaft Aufschwung nehmen, „erblühen“ sagt man dazu. Cornelias Landsleute waren von jeher fleißig, geschickte Handwerker, Händler, Künstler und Musikschaffende. Würde es ihnen gelingen, die nächste Generation in einer besseren Zeit aufwachsen zu lassen?

Die kleine Fahrgemeinschaft traf am Dresdner Hauptbahnhof ein. Verwandte und Freunde, die es zeitlich einrichten konnten, waren gekommen, um von Cornelia Abschied zu nehmen. Das Umarmen, Küssen und Händeschütteln wollte kein Ende nehmen. Einsteigen! Die Türen des Zuges schlossen sich, ein Winken von Taschentüchern, und er rollte aus der Bahnhofshalle.

Während der Zug durch die Landschaft ratterte, fand Cornelia Muße, die Erlebnisse der vergangenen Wochen Revue passieren zu lassen. Sie war glücklich über die Liebe und Wärme, die sie umfangen hatte, aber auch besorgt um die Zukunft der ihr Nahestehenden. Ihre Ansichten und Überlegungen zeugten von einer so kindlichen Naivität, Hoffnung und Vorfreude auf die Einheit, was auf Cornelia fast beängstigend wirkte. Sie hatte mit Menschen gesprochen, in deren Gesichtern die Resignation der vergangenen vierzig Jahre Sozialismus zu lesen stand, andere wiederum blickten voll Vertrauen und Hoffnung auf ihre „Schwestern und Brüder aus dem Westen“. Viele unter ihnen wirkten auf Cornelia wie unmündige Kinder: willig, aber unsicher, mit dem Wunsch, an die Hand genommen zu werden und alles erklärt zu bekommen. Aber die Marktwirtschaft war ein hartes Geschäft, die westliche Wohlstandsgesellschaft im Überschwang der Gefühle noch zu eventuellen Opfern bereit. Aber wie lange? Und wie hoch bemessen? Den wirklich harten Arbeitskampf würden die Menschen in den neuen Bundesländern schon bald zu spüren bekommen. Eine Chance läge darin, die guten Dinge zu vereinen, die es zweifelsohne nicht nur in der BRD, sondern auch in der ehemaligen DDR gab, davon könnten alle profitieren. Gerade drüben hatten die Leute oft mehr Ideenreichtum an den Tag legen müssen, um das Räderwerk in Gang zu halten und mit knapp bemessenen Mitteln viel zu schaffen. Aus dem Vollen zu schöpfen, bedurfte keiner Kunst. Allein die westdeutsche Wirtschaft würde erst einmal von den siebzehn Millionen kauffreudigen Bürgern profitieren, denen es – angefangen beim weichen Toilettenpapier - an ungezählten Gebrauchsgütern fehlte. Cornelia waren nicht die vielen westdeutschen Kleinhändler mit ihren Warenladungen entgangen, die am Straßenrand ihre Güter feilboten, darunter wahrlich nicht die neuesten Kollektionen. Die Ostler sahen momentan nur die lang entbehrte Ware, ihre Vielfalt, aber der Profit blieb nicht in den Regionen. Er ging in den Westen. Es blieb zu hoffen, daß dieser Profit auf andere Weise zurückkommen und zum Aufbau beitragen würde. In fünf oder zehn Jahren zeigte sich vielleicht, was man mit Hilfe des Westens geschaffen hatte. Sie konnte den Menschen im Osten nur wünschen, daß sie auf sich selbst achteten, ihre eigenen Kräfte und ihre Leistungen nicht in den Schatten stellten oder vergaßen.

Dresden, die einst blühende Stadt der Künste, deren Menschen als musikverbunden und aufgeschlossen galten, wurde während der Zeit des Sozialismus zum abgeschiedensten Winkel der DDR. Dresden wurde zur Stadt der Ahnungslosen und Nichtwissenden degradiert, wie die Bürger selbst sagten. Bedingt durch ihre im Elbtal eingeschlossene Lage, war sie die einzige Stadt, die kein Westfernsehen empfangen konnte. Städtebaulich blieb Dresden nach dem Bombenangriff total vernachlässigt, alle Gelder wanderten in die Messestadt Leipzig und nach Berlin. Die besten Handwerkskolonnen wurden von Dresden abgezogen und in besagte Städte zur Verschönerung abkommandiert, was die Dresdner sehr schmerzte. Hatten doch gerade sie mit besonders vielen zu beklagenden Toten auch den Verlust ihres geliebten Barocks hinzunehmen. Cornelia hoffte, daß sich ihre Landsleute ab sofort gegen einen weiteren Verfall ihrer alten Bauten wehrten und das noch vorhandene Kulturgut schützten. Denn Elbflorenz war nichts ohne eine sanierte Altstadt. Und die Touristen, die hoffentlich irgendwann Dresden wieder einmal besuchen würden, wollten keine neumodischen Glaspaläste sehen. Die gab es zuhauf im Westen. Die Prager hatten nicht umsonst ihre Stadt nach dem Krieg – im Innenkern modernisiert – nach altem Vorbild wieder aufgebaut. Und das wünschte Cornelia auch den Dresdnern.

Zeitungs und Fernsehberichten nach lief schon genügend schief. Unseriöse Geschäftemacher warteten darauf, den Menschen drüben Kredite zu vermitteln und alte Gebrauchtwagen zu überhöhten Preisen zu verkaufen. Die Versicherungsvertreter standen bereits in den Startlöchern; sie kannte die Branche gut genug, um zu wissen, daß es ihnen gewiß nicht um das Wohl und Wehe der Leute ging. Bei den Vertretern stand die Provision im Vordergrund. Also würden sie den Ostdeutschen Verträge zu Versicherungen aufschwatzen, die sie in Wirklichkeit gar nicht benötigten. Keiner würde sie warnen und wo kein Kläger, da kein Richter. Schlimmer noch: Gelder verschwanden, und Betriebe wurden rücksichtslos abgewickelt. Nichts gegen eine ordentliche und geprüfte Abwicklung, aber das letzte Beispiel in Dresden, von der Süddeutschen Zeitung aufgedeckt, war typisch. Der ExBetriebsleiter der Abig vom Volkeigenen Betrieb Robotron wickelte gemeinsam mit der Treuhand „seinen“ Betrieb ab. Gleichzeitig bewarb er sich um die Übernahme und bildete eine GmbH, in der er als Geschäftsführer auftrat und somit wieder auf seinen angestammten Platz gelangte.

Niemand stellte die Frage, woher das Kapital zur Eröffnung der Firma kam! Laut ARDNachforschungen wurden dann nachweislich StasiVerquickungen festgestellt. Spätestens da hätte die Treuhand doch die Notbremse ziehen und den Dingen auf den Grund gehen müssen. Heraus kam, daß Abigs Verbindungen zu einer mit StasiLeuten eingefädelten Immobilien GmbH in Berlin unterhielt. Wie laut ARDBericht bekannt wurde, konnte die Kripo aus fehlenden finanziellen Mitteln nicht einschreiten. Sie mußte den Fall zu den Akten legen. Wie blamabel! Die alten Seilschaften hatten also erneut gewonnen. Die Täter von damals saßen wieder fest im Sattel und übten ihre Macht aus. Die Opfer von einst würden nicht wagen, dagegen zu opponieren, allein aus Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Und wie viele solcher Fälle gab es, die nicht bekannt wurden?

Diese Gedanken beschäftigten Cornelia noch, als der Zug bereits in Saarbrücken einfuhr.