Kapitel 10 Reise in die Heimat

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Cornelia wurde es fast schwindelig beim Betrachten all der Exponate. Deshalb ging sie anschließend ein wenig über die Brühlsche Terrasse. Sie stand am Geländer – fast an der gleichen Stelle wie am Tag vor ihrer Flucht – und schaute hinunter zum Fluß. Sie durfte wieder hier stehen, diesmal gänzlich ohne Angst, und sie dachte an die Lieben, die ihre Heimatstadt damals verlassen mußten und nicht mehr unter den Lebenden waren. Wehmut überkam sie, und ihre Lippen flüsterten leise:

„Wenn doch meine Eltern das noch hätten erleben dürfen, oder ich ihnen wenigstens davon erzählen könnte.“

Traudel wollte ihr noch vieles zeigen, aber die Zeit war davongelaufen. Statt im Großen Garten landeten die beiden wegen schlechten Wetters im Hotel Dresdner Hof. Also ganz in der Nähe der dicken Berta, der Frauenkirche, wo es sich gut Kaffeetrinken ließ. Zwei Tische neben ihnen saß der DDRShowMaster Gunther Emmerlich, mit dem sie ins Gespräch kamen. Die Zeit reichte gerade noch zur Besichtigung der wiederhergestellten Hofkirche. Hier vermißte Cornelia schmerzlich die einst so grandiosen Wand und Deckengemälde, die leider auch durch die Flammen des Inferno vom 13./14. Februar 1945 zerstört worden waren. Ein in der Ecke neuzeitlich gebauter Altar aus weißlichem Marmor zog Cornelias Blicke auf sich.

„Mein Gott, Margit, ist das Ding häßlich“, entfuhr es Cornelias Lippen. „Das fügt sich doch in keiner Weise in diesen gotischen Bau ein! Wie kann man nur so etwas aufstellen?“

„Die wenigsten Dresdner sind davon begeistert, liebe Cornelia. Aber über Geschmack läßt sich eben streiten. Heute sind Nüchternheit und Plattenbauweise angesagt. Schönheit ist nicht mehr gefragt, zu altmodisch.“

„Dann bin ich eben altmodisch“, motzte sie. „Ich kann mich mit so etwas nicht anfreunden.“

„Meinst du, ich könnte das? Aber wer fragt uns schon!“

Cornelias letzter Besuch galt Dagmar und deren Familie in Seiffen. Dagmar war die Tochter ihrer früheren Freundin Ulla. Cornelia lebte bereits viele Jahr in Westdeutschland, als Dagmar geboren wurde. Nach dem frühen Tod der Freundin hatte sich die enge Beziehung zwischen Cornelia und Ulla auf Dagmar und ihre junge Familie übertragen – Heinz und zwei Kinder – und Cornelia wurde zur Patentante gewählt. Bisher waren sie sich noch nicht begegnet; alle kannten sich nur per Foto.

Die Aufregung war groß, als sie sich schließlich gegenüberstanden. Bei der ersten Umarmung brach das Eis. Die Freude über das persönliche Kennenlernen überbrückte die Fremdheit.

In dem Städtchen der Spielzeugindustrie und erzgebirgischen Schnitzereien sah es verhältnismäßig gepflegt aus. Conny spürte, hier war Eigeninitiative am Werk, die in den Städten völlig fehlte. Ein Rundgang durch das Spielzeugmuseum, durch die Schnitzwerkstätten und kleinen Geschäfte bestätigten Cornelias Eindruck. Die Menschen schauten hoffnungsvoll in die neue Zeit. Sie machten Pläne, freuten sich auf die Einheit und den Tourismus. Sie befaßten sich bereits mit der Marktwirtschaft. Zur Feier der Einheit, am 3. Oktober 1990, sollte nachts der Bläserchor vom Turm der Seiffener Kirche seine Weisen in die Nacht hinausschmettern.

Die Freunde hatten große Pläne für die wenigen Tage mit Cornelia: Ausflüge in die Umgebung, eine Besichtigung der Augustusburg. Auf der Rückreise nach Dresden wollten sie mit Cornelia Station auf der Albrechtsburg in Meißen machen.

Die Tage vergingen wie im Flug. Kaum daß Cornelia sich richtig an und nähergekommen fühlte, befand sie sich mit den Freunden schon wieder auf der Rückfahrt. Kurz vor Meißen machten sie Rast in einem Lokal, um dort zu Mittag zu essen. Als Kuriosität hing da der Kopf eines Wildschweins an der Wand. Während Dagmar und Heinz einen grob geschnitzten runden Tisch ansteuerten, suchten Cornelias Augen den Hinweis für „Damen“.