Kapitel 10 Reise in die Heimat

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Nächster Tag: eine Führung durch die SemperOper.

„Du glaubst gar nicht, wie aufgeregt ich bin, Traudel.“

„Ich freue mich ebenfalls auf die Führung, Cornelia. Ich hatte seit der Wiedereröffnung noch keine Gelegenheit dazu.“

„Eins muß ich den Rekonstrukteuren lassen, Traudel, sie haben ganze Arbeit geleistet und ein Meisterwerk vollbracht. Es ist einfach phantastisch geworden. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, daß früher einiges anders war.“

„Meinst du?“

„Ich kann mich täuschen, denn ich war erst zehn, als ich das letzte Mal mit meinen Eltern die Oper besucht habe. Es ist somit eine Ewigkeit her ... und doch!“

Am Ende erwiesen sich Cornelias Beobachtungen als richtig. Der Zuschauerraum war um einen Meter Durchmesser größer geworden, und die Gemälde an den Decken nach ursprünglichen und nicht den letzten Motiven wiederhergestellt. Aber alles in allem ein beeindruckender Bau. Sie saßen im Ersten Rang und ließen die Blicke schweifen. Ein wunderbarer Moment – als Cornelia die Augen schloß, meinte sie, Musik aus Aida zu hören. Komisch, wieso gerade Aida? Leise flüsterte sie:

„Möge nie mehr ein Krieg derartiges Leid über die Menschen bringen und soviel Unwiederbringliches zerstören.“

Sie liebte diese Stadt mit allen Fasern ihres Herzens trotz der augenblicklichen chaotischen Zustände, ihre Lieblichkeit, ihre Menschen, den Fluß mit seinen unendlichen Windungen durchs hügelige Land. Es war und blieb ein Stück ihrer Heimat, einer Heimat, die sie zig Jahre nicht mehr hatte betreten dürfen.

„Wie sehen deine Planungen für morgen aus?“ wollte Cornelia wissen, als sie mit ihrer Freundin das Opernhaus verließ.

„Ich schlage vor, wir essen zu Mittag im Kulturpalast, besichtigen anschließend die GemäldeGalerie und das Grüne Gewölbe, sofern dir beides nicht zuviel wird.“

„Ich bin mit deinen Vorschlägen einverstanden und freue mich.“

Die GemäldeGalerie ist eine der Berühmtheiten Dresdens. Hier, wo nur geflüstert wird, jede fast auf Zehenspitzen von einem Saal in den anderen schreitet, um andächtig vor den Gemälden eines Raffael, darunter Die Sixtinische Madonna, stehenzubleiben, die Werke von Rembrandt, Leonardo da Vinci oder Rubens und Velázquez zu bewundern. August der Starke galt als großer Kunstliebhaber. Er ließ Bilder aus aller Herren Länder zusammentragen, die später dem Volk zugänglich gemacht wurden. Bilder, die aus einer versunkenen Welt zu kommen scheinen und in ihrer Vollkommenheit auf den heutigen Besucher faszinierend wirken. Bei manchen Gemälden glaubte Cornelia, die Gestalten müßten sogleich zu sprechen anfangen und von der Leinwand herabtreten. Hier war das Echte, Wahre, zu Bewahrende, das die Menschen auch noch nach Jahrhunderten erfreuen würde. Die Werke der Moderne würden bis auf wenige Ausnahmen verblassen, vergehen, dessen war sie sich sicher.

Weiter ging es ins Dresdner Schloß zur Besichtigung des Grünen Gewölbes. In den Vitrinen befinden sich Brillant, Gold und Silbergarnituren: Dosen, Vasen und Schalen aus Halbedelstein und Bergkristallen, Elfenbeinpokale sowie die kunstvolle und weit über die Grenzen Deutschland hinaus bekannte Handarbeit Hofstaat des Großmoguls – gefertigt von den Hofjuwelieren Johann Melchior Dinglinger und seinen Brüdern.