Kapitel 10 Reise in die Heimat

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Zurück ging es über die Augustusbrücke, vorbei am Schloß, der SemperOper und dem Zwinger, über die neue Prager Straße – breit angelegt, mit Hochhäusern – früher InterristHotels - und modernen Springbrunnen – zum Hauptbahnhof. Hier stiegen sie in den Bus, um zu Cornelias Patenkind nach Gohlis zu fahren. Die Zeiger der Uhr liefen und liefen. Ein weiterer Tag gehörte der Vergangenheit an. Bald hieß es Abschied nehmen, der beiden Seiten schwer fiel. Isolde bekam als erste feuchte Augen. Cornelia drückte sie fest an sich und sagte:

„Nun dauert es bestimmt keine dreißig Jahre mehr bis zum nächsten Wiedersehen. Seid froh, wenn ich euch künftig nicht jedes Jahr auf die Pelle rücke“, was mit Lächeln und von Günther mit Protest quittiert wurde:

„Du bist uns immer herzlich willkommen, Cornelia.“

„Danke, ihr Lieben, danke für alles.“

Eine allerletzte Umarmung, und das Taxi brachte Cornelia zur zweiten Station, nach Cossebaude zu Traudel, die zusammen mit ihrer Mutter dem Wiedersehen mit der Freundin entgegenfieberten. Traudel hatte alle drei Tage fest verplant. Am ersten Tag war eine Fahrt vom Theaterplatz über Gohlis zur Festung Königstein geplant, mit Besichtigung der Anlage. Die Festung Königstein, die 250 Meter über den Elbbogen aufragt, hatte für Cornelia als Kind stets etwas Furchterregendes an sich.

In den bombensicheren Kasematten der Festung waren zeitweilig Gold und Silberschätze des Dresdner Hofes gelagert worden, im Zweiten Weltkrieg versteckte man dort die Kunstschätze der Gemäldegalerie und des Grünen Gewölbes. Eine Festung, die zu Zeiten des Königs als uneinnehmbar galt, die Napoleon und der Zar von Rußland besichtigten, wo aber berühmte Männer auch als Strafgefangene gehalten wurden, zum Beispiel der Erfinder des Porzellans, Johann Friedrich Böttger und der Schriftsteller Frank Wedekind. Böttger wurde weltberühmt und übernahm 1710 die Leitung der Meißener PorzellanManufaktur.

Von Königstein über Bad Schandau ging es in die Sächsische Schweiz. Nach einem Kaffee im Panorama Restaurant der Bastei, schlug Traudel einen kleinen Spaziergang vor. Die Aussicht war hervorragend, und auf Cornelia wirkte das Felsgestein, an dem auch junge Alpinisten ihr Können erprobten, ungeheuer lebendig. Wenn sie diese bizarren Formen sah, die von der Sonne hervorgerufenen Lichteinwirkungen betrachtete, die Fichten, Buchen und Kiefern dazwischen, dann kam ihr diese Gegend immer noch wie eine verzauberte Märchenlandschaft vor, zu Stein erstarrte Wesen, ein Gebiet fast unberührter, trutziger Natur.

Sie gingen die ausgetretenen Stufen hinunter bis zur Plattform. Auch hier zeigte sich ihr ein unvergleichlich schönes Bild. Ein Bild, das tief im Inneren wirkte und Ruhe gab, selbst wenn es sich fast unergründlich darstellte. Von weiter oben hingegen glitt der Blick über die Weite des Landes hin bis zum Lilienstein, während sich zu Füßen die Elbe sanft dahinschlängelte.

Die letzte Station über Wachwitz – das Schloß Pillnitz: Wie ein Traum aus dem Reich der Mitte mit seiner chinoresken Bemalung der geschweiften Dächer – erbaut vom Baumeister des Dresdner Zwingers, Pöppelmann. Zur Elbseite hin verlief die große Freitreppe, an der zu Königszeiten im venezianischen Stil erbaute Gondeln anlegten oder die Kavaliere durch die langen Alleen zu den Damen der Gesellschaft ritten. Auch die Gräfin Cosel, für die August der Starke das Schloß bauen ließ, hatte hier eine Zeitlang ihr Domizil.

Von da ging es über das Blaue Wunder – eine der markantesten Hängebrücken Deutschlands – zurück zum Theaterplatz und mit der Straßenbahn nach Hause zu Traudels Mutti.