Kapitel 10 Reise in die Heimat

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Die junge Generation wird schneller in das neue Gesellschaftssystem hineinwachsen, nehme ich mal an, für die Älteren sind Probleme nicht auszuschließen. Auch im Privatleben wird sich vieles ändern, vielleicht nicht heute, nicht im nächsten Jahr, aber die Umstellung kommt.“

„Wie dürfen wir das verstehen, Cornelia?“

„Im Moment könnt ihr es euch bestimmt nicht vorstellen, aber die Jagd nach Besitz und Geld verändert. Viele Werte, die in den vergangenen Jahren bei euch hoch im Kurs standen: Familiensinn, Freundschaft, Zusammengehörigkeitsgefühl, Hilfe für den Nächsten, soziale Beziehungen werden dabei in die Brüche gehen, wenn nicht jeder selbst darauf achtet. Mit steigenden materiellen Bedürfnissen wird der Götze money, money, money immer mehr in den Vordergrund rücken.“

Sie waren sehr nachdenklich geworden. Eva sprach wohl als erste aus, was die anderen dachten:

„Das sind nicht gerade rosige Aussichten, Cornelia.“

„Nein, da muß ich dir recht geben. Es würde mir leid tun, wenn meine Prognose einträfe. Warten wir also erst einmal drei bis vier Jahre ab. Schlimmstenfalls werdet ihr nicht einmal mehr die Muße haben für ausführliche Gespräche oder Briefe an die Lieben in der Ferne. Ich hoffe, daß es zwischen uns nie soweit kommt“, was ihr alle Anwesenden lautstark versicherten.

Als Cornelia am Abend in ihrem Bett lag, empfand sie dankbar die Liebe, die ihr hier entgegengebracht wurde. Tränen rollten auf das Kopfkissen.

Tags darauf machten Isolde und Günther mit ihr einen Bummel durch die DresdnerNeustadt. Mit der Straßenbahn fuhren sie bis zum AlbertPlatz. Hier ließ sich der bauliche Versuch begutachten, das Neue dem alten Stils anzupassen. Cornelia fühlte sich gleich wohler. Sie gingen Richtung Straße der Befreiung. Rechts stand das Schillerdenkmal in weißem Marmor, vor dem Isolde stehenblieb.

„Siehst du, Cornelia, hier steht unser guter Schiller mit Blick zu seinen Räubern“, wobei sie hinter vorgehaltener Hand lachte.

„Wie soll ich das verstehen, Isolde? Das mußt du mir bitte näher erklären.“

„Na ja, so nennen die Dresdner das Denkmal, auf welches Schiller schaut.“ Dabei zeigte sie auf das Denkmal der Roten Armee.

Cornelia lachte über diesen humorigen Blick, dann überlegte sie:

„Wenn ich mich recht erinnere, hat hier früher ein wunderschöner Brunnen namens Stürmische Wogen gestanden, das Gegenstück zu Stille Wasser auf der anderen Straßenseite. Jetzt, wo sich alles verändert, kommen vielleicht auch die stürmischen Wogen an ihren alten Platz zurück. Wäre das nicht schön, Isolde? Der Brunnen gehört doch hierher.“

„Dein Wort in Gottes Ohr, Cornelia.“

Wie recht Cornelia mit ihrer Vermutung haben sollte, konnten beide nicht ahnen. Vier Jahre später wurden die Stürmischen Wogen zur Freude der Dresdner wieder an ihren angestammten Platz gebracht – die Rote Armee verschwand.

Im Lausitzer Töppel kehrten die drei zum Mittagessen ein – ein gutbürgerliches Lokal, das die Wendemanöver nicht überstehen sollte, da die Besitzverhältnisse wie bei vielen Häusern und Restaurants ungeklärt waren.