Kapitel 10 Reise in die Heimat

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Bei Isolde hingegen fand Cornelia es sehr gemütlich. Die Einrichtung erinnerte sie zum Teil an die ihrer Eltern in den fünfziger Jahren – vor allem die Stehlampe und der Nierentisch.

„Wenn du willst, kannst du ein Bad nehmen. Günther hat gut eingeheizt“, sagte Isolde am Abend, während sie liebevoll Handtücher, Seife und dergleichen zurechtlegte. Das Bad befand sich außerhalb der Wohnung, eine halbe Treppe tiefer, es wirkte richtig schön antik auf Cornelia. Der Ofen blubberte, verbreitete angenehme Wärme, und sie genoß es, sich in der Wanne bequem ausstrecken zu können.

Am nächsten Tag war großes Familientreffen angesagt: Zwölf Erwachsene, sechs Kinder – ein volles Haus, wie früher üblich. Eine lange Kaffeetafel. Jeder wollte einmal neben Cornelia sitzen und mit ihr reden, vor allem, als sie erfuhren, daß sie nur noch zwei Tage bei Isolde sein würde und es nach Jahrzehnten so vieles zu erzählen gab. Mit einer Modenschau ging’s im Programm weiter. Cornelia hatte drei große Pakete mit Kleidung vorausgeschickt. Für jeden war etwas Passendes darunter, und alle wollten sich in „ihren“ neuen Sachen zeigen. Oh Gott, welche Freude, das erleben zu dürfen.

Cosima, Isoldes Schwester, setzte sich zu ihr. Sie war die einzige, die in all den Jahren keinen Kontakt zu ihr halten durfte, bedingt durch den Beruf als Vermessungsingenieurin. Cousin Achim sowie Ehefrau Eva hätten sie am liebsten ganz in Beschlag genommen. Alle sprachen von vergangenen Zeiten und vorsichtig über Vorkommnisse, von denen sie nie hatten schreiben dürfen.

Fragen wurden gestellt, auf die auch Cornelia nicht immer eine Antwort wußte:

„Glaubst du, daß wir in fünf Jahren wirklich blühende Landschaften und einen gewissen Wohlstand haben, wie Helmut Kohl versprochen hat?“

„Ich weiß es nicht, ihr Lieben. Um ehrlich zu sein, ich kann es mir in der Kürze der Zeit beim besten Willen nicht vorstellen. Wie viele Jahre hat es im Westen gedauert, um den heutigen Lebensstandard zu erreichen, und wenn ich den Anschluß des Saarlandes ans ’Reich’ zum Maßstab nehme – fünf Jahre“, stellte sie nachdenklich fest. „Wenn die Wirtschaft weiterhin so floriert, dauert die Angleichung vielleicht zehn, fünfzehn Jahre.“

„So lange?“

„Ich möchte keine Illusionen nähren, bin da eher realistisch. Eins dürft ihr nicht vergessen: Die Wirtschaft der DDR ist ziemlich marode und am Westen gemessen keineswegs konkurrenzfähig.“

„Aber auch wir haben doch gearbeitet und produziert! Davon ist leider 80 Prozent zu Billigpreisen exportiert worden – über Quelle und Neckermann zum Beispiel –, so daß für uns kaum etwas übriggeblieben ist“, warf Günther ein.

„Gewiß; aber betriebswirtschaftlich gesehen wurde hier unrentabel und ineffizient gearbeitet. Ich befürchte, daß viele Betriebe schließen müssen. Von der Arbeitslosigkeit werden nach meinen Erfahrungen wahrscheinlich in erster Linie die Frauen betroffen sein.“

„Wieso?“

„Die Vergangenheit hat gezeigt, daß Frauen, wenn sie innerhalb der männlich dominierten Hierarchie um den Arbeitsplatz oder andere den Frauen zustehende Rechte kämpfen müssen, ungleich andere Prämissen setzen, sich weniger formal zur Wehr setzen und dadurch schnell wieder auf die Arbeit am Küchenherd reduziert werden. Für die Jugendlichen werden leider die Ausbildungsplätze schrumpfen, damit auch die Zukunftsperspektiven, was eine Abwanderung der jungen Leute nach sich zieht. Die Kriminalität wird ansteigen. Es ist eine Ellenbogengesellschaft, in der wir leben, und der ihr euch nun ebenfalls stellen müßt. Das Sichdurchsetzen will gelernt sein. Es wird also eine große Umstellung für die Menschen hier, mit der jede und jeder von euch zurechtkommen muß. Vielen wird es in Zukunft besser gehen. Sie werden Wohlstand erwerben, können reisen, wohin sie wollen und müssen keine zehn Jahre mehr auf ein Auto warten. Einige aber werden auf der Strecke bleiben und zu den Verlierern gehören.