Kapitel 10 Reise in die Heimat

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Mit über einer Stunde Verspätung lief der Zug endlich in Dresden-Neustadt ein. Das Ehepaar wünschte ihr einen angenehmen Aufenthalt, dann strebte jeder in die Richtung der unüberhörbaren Begrüßungsrufe.

Da stand sie nun, das Gepäck neben sich und die Knie weich wie Butter, als Isolde, ihre Cousine, auf sie zukam und ihr schluchzend um den Hals fiel. Bei Cornelias Flucht war Isolde süße siebzehn und sie dreiundzwanzig. Das einst lachende junge Mädchen präsentierte sich als reife Frau, die auf Conny müde und abgearbeitet wirkte. Ihr selbst saß ein solcher Kloß in der Kehle, daß sie keinen Ton herausbrachte.

„Ach, Cornelia, es ist so schön, daß du endlich bei uns bist. Du hast dich in all den Jahren überhaupt nicht verändert. Wir freuen uns so. Darf ich dir meinen Mann vorstellen?“

Isoldes Gatte, in hellem Blouson und brauner Hose, reichte ihr die Hand.

„Günther, das ist meine Cousine Cornelia.“

„Hallo Günther, ich freue mich, dich persönlich kennenzulernen.“

„Ich mich auch. Herzlich willkommen in Dresden. Ist das dein ganzes Gepäck?“ fragte er, wobei er auf ihre Reisetasche deutete.

„Nein, den großen Koffer habe ich aufgegeben.“

„Dann gehen wir zuerst zur Gepäckaufgabe“.

Isolde griff nach Cornelias Hand und ließ diese erst los, als sie vor dem Bahnhof in ein Taxi stiegen. Das erste Wahrzeichen, das Cornelia ins Auge fiel, war der im orientalischen Stil erbaute imposante Kuppelturm der Jenitze, einer ehemaligen Zigarettenfabrik. Die Straßen wirkten trist und verwahrlost. Aus den Dächern einiger verfallener und wohl unbewohnter Mietshäuser wuchsen die Birken. Nicht zu fassen – welch erbarmungswürdiger Anblick. Das Friedrichstädter Krankenhaus, an dem sie vorbeifuhren, hatte in den über dreißig Jahren wohl nie einen Farbanstrich gesehen. Die Vorwerkstraße, in der einst eine Tante wohnte – da stand überhaupt nichts mehr. Cornelia liefen bei diesem Anblick unaufhörlich die Tränen an den Wangen herunter. Sie fand keine Worte, denn so schlimm hatte sie es sich nicht vorgestellt. Was die Bomben nicht zerstört hatten, schafften vierzig Jahre Sozialismus mit links. Das Gerumpel des Autos auf dem Kopfsteinpflaster übertönte fast jedes Wort, und so verstand sie nur die Hälfte von dem, was Isolde erklärte, als das Taxi in die Rudolf-Renner-Straße –ihrem ehemaligen Zuhause – einbog.

„Gell, es sieht schlimm aus? Für uns ist das zum Alltag geworden und nichts Außergewöhnliches mehr. Zeit stumpft ab.“

Der Wagen hielt vor einem großen Kirchenbau – Günther und Isoldes Zuhause, wo sich Cornelia von Stund an wohl fühlte. Isolde hatte das warmherzige Wesen aus der Linie von Cornelias Großmutter geerbt. Aber nicht nur sie, auch bei den Kindern und Enkeln, die kurze Zeit später eintrafen, war das nicht zu übersehen. Cornelia fühlte sich in den Familien aufgenommen, so integriert, als sei sie niemals fortgewesen. Besonders Cornelias Patenkind, ein hübscher blondgelockter Bub, der die Tante aus dem Westen nun das erste Mal so richtig in Augenschein nehmen durfte, überhäufte sie mit Zärtlichkeiten, die Cornelia guttaten!

Am Nachmittag führten Isolde und Günther sie durch Löbtau, ihr altes Wohnviertel. Ein einziges Trauerspiel! Die einst schönen Backsteinhäuser mit roten Fassaden und herrlichen Verzierungen starrten sie traurig und anklagend an. Der Großteil der Dächer war ohne Ziegel, so daß der Regen ungehindert eindringen und das Zerstörungswerk vollenden konnte. Wut und Unverständnis über die Mißwirtschaft dieses Staates stiegen in Cornelia auf. Wut, daß dieser Staat seine Macht ausgespielt und den einzelnen Besitzern ihre Häuser für einen Apfel und ein Ei abhandeln und verstaatlichen konnte, um dann alles dem Zahn der Zeit zu überlassen und sich um den Erhalt der Bauten keinen Deut zu scheren. Wieso hatten die Menschen diesem Zerstörungswerk einfach zugesehen und nicht schon früher Einhalt geboten? War die Resignation so groß? Auf der Kesselsdorfer Straße standen die Flachbauten des Konsum und der Kaufhalle wie vor dreißig Jahren, nur daß überall der Putz abblätterte, sich Rost und Zerfall breitmachten. Und dort, wo restauriert wurde, schauten die Bewohner fassungslos zu. Daß ein Fleischer sein total renoviertes Geschäft innerhalb von zwei Wochen wieder eröffnete, schien eine kleine Sensation zu sein. In Richtung Wölfnitz, wo einige Hochhäuser in den Himmel ragten, hatte sich bereits ein Großmarkt von „Spar“ etabliert.