Kapitel 09 Begegnung in Berlin

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„Ja, es ist nicht einfach, und ich kann nur hoffen und wünschen, daß sich für euch alles zum Guten wendet.“

Der einfahrende Zug beendete ihre Überlegungen. Traudel warf einen Blick auf die Uhr, sprang auf und sagte erschrocken:

„Ach, du meine Güte. Sei mir bitte nicht böse, aber ich muß laufen. Der Zug nach Dresden fährt bereits in zehn Minuten. Ich habe während unserer Unterhaltung nicht auf die Zeit geschaut.“

Eine eilige Umarmung, und die Freundin rannte los.

„Tschüß! Komm gut nach Hause und danke für alles. Grüße deine Mutti von mir“, rief ihr Cornelia nach. Sie war nicht sicher, ob Traudel ihre Abschiedworte überhaupt hörte. Schließlich stieg auch sie in ihren Zug und fuhr mit neuen Eindrücken in Richtung zweite Heimat, Eindrücke, die sie sofort in ihr rotes Notizbuch schrieb.

In Saarbrücken angelangt, beschäftigte Cornelia das Erlebte noch tagelang. Unruhe breitete sich in ihr aus. Sie fuhr in die Stadt, spazierte Richtung Berliner Promenade – einem Promeniersteg Saarbrückens. Die JuniSonne brannte, bald setzte Cornelia sich an einen der Tische des Straßencafés, mit Blick auf die Saar, und bestellte einen Cappuccino. Sie schaute auf das träge dahinfließende Wasser und die Umgebung. So, wie sie es oft in Dresden getan hatte, wenn sie früher auf der Augustusbrücke gestanden hatte und ihre Blicke ins Elbtal wandern ließ. Dort wie hier löste das Bild bestimmte Stimmungen und Gefühle aus. Es war der Fluß, das Wasser überhaupt, was sie von jeher liebte, und das sie stets aufs Neue anzog. Im Hinunterschauen brachen sich in ihr verschüttete Gefühle Bahn. Sie spürte, ihr so sorgsam behüteter Elfenbeinturm, in dem sie ein Stück ihres Lebens tief unten vergraben und eingemauert hielt, hatte nach ihrer BerlinReise an allen Ecken und Enden empfindliche Risse bekommen. Mit dem realen Mauerfall schien auch in ihr etwas zu bröckeln. Was sie vorher nie in Erwägung gezogen hatte, nämlich ihr einst in der DDR gegebenes Versprechen zu brechen, über gewisse Dinge zu schweigen, entbehrte jetzt seiner Grundlage. Ein gewaltiger Strom von Erinnerungen drängte nun mit Macht ans Licht, suchte und fand Risse und Spalten, um immer schneller werdend hindurchzusickern und sein Recht zu fordern.

Hoffnung glomm auf, endlich ihren Verwandten, Freunden, ja, allen Menschen die ungeschminkte Wahrheit mitteilen zu dürfen, nichts mehr verdrängen oder beschwichtigen zu müssen. Was sie dabei überraschte, sogar stark beunruhigte – sie würde Mühe haben, die sich in ihrem Inneren ankündigende Sturzflut zurückzuhalten oder sie in Bahnen zu leiten; der schützende Damm durfte nicht gänzlich brechen.

Von nun an flogen ihre Finger wieder einmal über die Tastatur ihrer Schreibmaschine. Der bereits fertig geglaubte Roman mußte ab sofort ergänzt und in einigen Kapiteln völlig umgeschrieben werden.