Kapitel 09 Begegnung in Berlin

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„Nach meinen bisherigen Erfahrungen wirst du die Zehen dazu nehmen müssen. Ich mache mir nichts vor, es wird nicht einfach werden.“

Wie schwierig sich das Unternehmen gestalten sollte, blieb zu diesem Zeitpunkt noch im Verborgenen.

Vorerst genossen sie ihr Zusammensein. Es folgte ein Bummel auf dem Ku’damm. Von dort aus ging es ins Café Kranzler. Cornelia kannte sich in diesem Viertel kaum noch aus, so viel war inzwischen gebaut worden. Der Marmorpalast stand jedoch wie eh und je da. Auch der alte und inzwischen neue Teil der Kaiser WilhelmGedächtniskirche.

Plötzlich zeigte sich Cornelia aufgeregt, sie zerrte Traudel am Arm über den Zebrastreifen, als die Ampel Grün zeigte:

„Schau nur, da ist ja das Kaufhaus Renner, unser Renner aus Dresden. Hast du das gewußt?“ fragte sie ganz aus dem Häuschen. „Ich durfte mir früher dort all meine Kindersachen aussuchen.“

„Nein, das habe ich nicht gewußt, Cornelia.“

„Wieso nicht? Entschuldige, dumme Frage, schließlich bist du heute auch das erste Mal in Westberlin. Ich hatte das ganz vergessen.“

Tags darauf fuhren sie nach Potsdam. In Berlin zu sein und Schloß Sanssouci nicht besucht zu haben – war für Cornelia unverzeihlich. Leider zeigte sich der Himmel Grau in Grau, und Kopfschmerzen kündigten sich ebenfalls an. Sie gelangten zwar trockenen Fußes durch die herrlichen Parkanlagen, aber als sie vom Teehaus zurückkehrten, begann es stark zu regnen.

„Vier Tage – sie sind viel zu schnell vergangen, Cornelia. Versprich mir, daß du bald nach Dresden kommst.“

„Ja, ich verspreche es.“

Am nächsten Morgen hieß es Abschied nehmen. Schweigend saßen sie auf einer Bank des Bahnsteiges. War es die allgemeine Hektik, die sich Cornelia aufs Gemüt legte, sie nachdenklich stimmte, oder spielte ihr die eigene Übersensibilität einen Streich? Das Großstadtgetriebe konnte es nicht sein, denn sie liebte es. Der Grund war ein anderer. Sie spürte seit gestern etwas Unausgesprochenes – einem Spinnennetz gleich, das sie als innere Unruhe wahrnahm. Sie erinnerte sich solcher Momente aus ihrer DDRZeit und mußte mit Traudel darüber reden. Vielleicht bewegten Traudel die gleichen Empfindungen? Das galt es zu ergründen.

„Darf ich dich etwas fragen, Traudel? Hast auch du das Gefühl, als würden hier alle kurz vor einem Vulkanausbruch stehen? Mir ist, als könne ich die Rauchwolken fast sehen, die gen Himmel schießen; die Hitze der Lava fühlen, die im Inneren der Erde brodelt – eine Art Weltaufbruchstimmung, ein Hexenkessel. War das früher schon so? Ich meine, nach dem 9. November? Oder liege ich völlig falsch?“

„Deine Empfindungen sind richtig, Cornelia, ich teile sie. Du mußt verstehen, daß die Menschen einerseits der Währungsumstellung entgegenfiebern. Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als endlich Westmark – harte DMark –in Händen zu halten. Auf der anderen Seite ängstigt sie dieser Vorgang ungemein, macht sie nervös, unkontrolliert.

Ich frage mich ständig: Wie geht es weiter? Was bringt die Zukunft? Werden wir es packen und verstehen, mit euch und der Demokratie Schritt zu halten?

Daß Umwälzungen, die für uns neu sind – auch wenn wir sie gewollt haben –, Unsicherheiten mit sich bringen, weiß jeder. Aber wir werden von so vielen Dingen überrollt. Am 11. Juni müssen alle Konten auf der Bank geändert werden. Pro Familie darf nur noch ein Konto bestehen, der Umtausch erfolgt 1:1. Werden wir vielleicht unsere Ersparnisse verlieren oder nur einen Teil unseres Geldes 1:1 erhalten? Das sind alles Fragen, die uns beschäftigen und nervös machen. Hinzu kommt das Hickhack in den Betrieben. Dann gibt es viele Polen und Rumänen, die in die DDR wollen, aber nicht aufgenommen werden. Außerdem haben wir das große Problem mit dem Schwarzmarkt zwischen Berlin West und Ost, dem die Polizei ziemlich machtlos gegenübersteht. Auch das ängstigt die Menschen. Unruhestiftend kommt hinzu, daß die alten Genossen Wirtschaftsängste schüren. Geschäfte, die bisher nichts zu verkaufen hatten, zeigen plötzlich ein großes Warenangebot und möchten ihre Ostware schnell loswerden. Alles wird verramscht, denn wer kauft noch Ostartikel, wenn die vom Westen besser zu sein scheinen. Ob sie es wirklich sind, muß sich im Laufe der Zeit herausstellen. Aber die meisten Menschen sind wie ich erst einmal davon überzeugt. Verstehst du? Es ist für den kleinen Mann eine total komplexe Situation, wie du richtig fühlst.“