Kapitel 09 Begegnung in Berlin

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„Es tut mir leid, aber manchmal hat man Glück und es geht schnell, und dann – na ja, du hast es ja selbst erlebt ...“

„Das sollte kein Vorwurf sein, und ich bin weder hungrig noch verstimmt“, beruhigte sie die Freundin.

„Ich werde dir dafür jetzt etwas zeigen, was deine Stimmung ganz sicher hebt“, versuchte Traudel sie zu trösten. Und wahrlich! Bald standen sie vor einem Geschäft mit Plauener Spitzendecken. Plauener, die bereits ihre Großmutter und ihre Mutter geliebt hatten und deren Faible für solch zarte Gebilde auch Cornelia geerbt zu haben schien. Meißener Porzellan und Plauener Spitzendecken galten zu DDRZeiten als unerschwingliche Artikel für OttoNormalverbraucher. Zudem waren es Artikel, die Devisen brachten und damit ausschließlich dem Ausland vorbehalten blieben.

„Ach, sind die herrlich“, entfuhr es Cornelia immer und immer wieder beim Betrachten der Auslagen. „Ich weiß gar nicht, für welche ich mich entscheiden soll, Traudel!“

„Gehen wir erst einmal ins Geschäft. Kaufe, was dir gefällt, Cornelia. Noch können wir in Ostmark zahlen. Eine Decke bekommst du von mir als Geburtstagsgeschenk. Du hast sie dir in all den Jahren redlich verdient, meine Liebe. Also, überlege nicht lange, sondern gönn’ dir etwas und greife zu, zumal dein Herz schon so lange daran hängt.“

Cornelia wählte eifrig aus. In einem anderen Geschäft ging ein preiswerter Rotfuchskragen in ihren Besitz über.

„Ist das nicht verrückt, Traudel? Ich muß erst nach Berlin und dazu nach Ost reisen, um dieses so lange von mir gesuchte Exemplar zu erhalten.“

Beide lachten und freuten sich über die Errungenschaften.

Vor einer Buchhandlung hielt sich Cornelia besonders lange auf, und Traudel meinte entsetzt:

„Hier wirst du doch hoffentlich nicht etwas erstehen wollen? Oder doch? Vielleicht einen Karl Marx“, grinste sie. „Sozialistische Literatur kannst du von mir im Überfluß haben. Sie steht im Bücherschrank eh nur herum. Raritäten, die jetzt kein Aas mehr will!“

„Sei nicht böse, aber ich finde, es gab auch sehr gute Sachen darunter. Das solltet ihr nicht vergessen. Ich habe mich immer über ein Buch gefreut. Besonders die Bildbände fand ich stets große Klasse.“

„Du hast natürlich recht. Aber im Moment schielt alles nach Westlektüre. Sie wurde uns zu lange vorenthalten. Wenn du möchtest, können wir gern in das Geschäft hineingehen.“

„Nein, das ist nicht nötig. Weißt du, was ich mir gerade heimlich gewünscht habe?“

„Nein, wie sollte ich! Sag es, vielleicht kann ich deinen Wunsch erfüllen.“

„Das glaube ich kaum. Es ist ein ganz spezieller.“

„Schieß los, spann mich nicht länger auf die Folter.“

„Ich habe mir gewünscht, daß mein erster Roman eines Tages hier in diesem oder im Schaufenster einer anderer Buchhandlung ausgestellt und verkauft wird – sofern ich einen Verleger finde“, fügte sie leise hinzu. „Nach dem Mauerfall kann ich doch jetzt alles, wirklich alles schreiben, verstehst du?“

„Ich werde die Daumen drücken, damit dein Wunsch in Erfüllung geht, das weißt du.“