Kapitel 09 Begegnung in Berlin

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Überall gab es für Cornelias etwas zu sehen, das ihre Neugier weckte. Selbst die Preise interessierten sie; aufgrund der bevorstehenden Währungsumstellung waren einige Artikel besonders günstig zu erstehen.

„Hast du denn überhaupt keinen Hunger, Cornelia?“

„Und ob.“ Sie merkte plötzlich, daß ihr der Magen knurrte.

„Ich kenne ein sehr feines Restaurant in der Nähe, von dem ich überzeugt bin, daß es dir gefällt.“

„Na, dann nichts wie hin! Ich bin gespannt!“

Einmal links, dann wieder rechts um die Ecke, schon standen sie vor dem „Gastmahl des Meeres“. Es sah von außen gerade so einladend aus wie von innen. Aquarien und ZierfischBehältnisse schmückten den Raum – auf Cornelias wirkte es anheimelnd und romantisch, sie fühlte sich auf Anhieb wohl.

Die MenüKarte zeigte eine große Auswahl, jedes Gericht war ausgesprochen günstig zu haben. Cornelia entschied sich für gedünstete Forelle mit Morcheln, Spargel, Möhren, Erbsen und Kartoffeln. Was serviert wurde, schmeckte so phantastisch wie es aussah. Traudel hatte Karpfen in Senfsoße gewählt. Ebenso köstlich, befand Cornelia beim Probieren.

Nach der Stärkung lenkte Traudel sie in Richtung Fernsehturm.

„Hast du Lust auf eine Tasse Kaffee im Wolkenkuckucksheim? Wir müssen uns allerdings in die lange Schlange einreihen. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, Cornelia. Oder?“

„Ich versetze mich einfach dreißig Jahre zurück. Da gab es nichts ohne Schlangestehen. Probieren wir, wie lange ich heute noch durchhalte.“

Nimmst du dir da nicht etwas zuviel vor, raunten Cornelias kleine graue Eminenzen. Sie wußten besser, was ihr gut tat, aber sie ignorierte ihr Getue. Cornelia schaute sich um und beobachtete die Menschen – das Schlangestehen hatte sich selbst nach so vielen Jahren nicht geändert. Jede und jeder wartete wie dazu erzogen – geduldig, brav, diszipliniert. Niemand murrte oder maulte, einfach toll – bei uns im Westen unvorstellbar. Sie glaubte schon die Kreuzschmerzen nicht mehr ertragen zu können, als sie nach einer Dreiviertelstunde endlich die Sperre erreichten. Die schwere, eiserne Kette wurde von einer der Aufsichtspersonen ausgehängt, bevor sie die Besucher genau abzählte. Cornelia triumphierte innerlich: Wir sind dabei! Viel länger hätte sie auch nicht durchgehalten. Endlich durften sie nach oben fahren. Auch im Café herrschte sozialistische Ordnung, wie sie gleich zu spüren bekam. Cornelia steuerte zielgerade auf einen freien Tisch zu, als Traudel sie am Jackenärmel zurückhielt und entsetzt anschaute:

„Du kannst dich hier nicht einfach hinsetzen, wo du willst! Wir bekommen unseren Platz zugewiesen und dürfen genau fünfzig Minuten bleiben. In dieser Zeit dreht sich die Plattform gerade einmal um komplett dreihundertsechzig Grad.“

„Ach so!“ vermerkte lachend Cornelia und fügte stumm hinzu: Marsch – links, zwei, drei, vier, links, zwei, drei, vier.

Hoch über den Dächern der Stadt bot sich ihnen eine einmalige Aussicht, die sie von allen Seiten bewunderte. Die Bedienung fand dagegen weniger Gnade vor ihren Augen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis diese mit dem bestellten Kaffee und Kuchen kam und gleichzeitig zum Aufstehen aufforderte, weil sich das Ende der Runde nähere. Das bedeutete – sie mußten alles in Nullkommanix hinunterschlingen oder stehenlassen. Cornelia entschied sich für Letzteres.

„Ist dir so etwas auch schon passiert? Eine Warnung wäre nicht schlecht gewesen. Dann hätte ich nur eine Tasse Kaffee bestellt“, meinte sie zu Traudel, als beide dem Ausgang zustrebten.