Kapitel 09 Begegnung in Berlin

Kapitelübersicht

„Wie schön, daß du da bist, Cornelia. Hattest du eine gute Fahrt?“

„Danke, bis auf die dreißig Minuten Verspätung ging alles reibungslos.“

Als sie so nebeneinander standen, wurde Cornelia das Gefühl nicht los, als sei die Freundin noch kleiner geworden. Sie reichte ihr gerade bis knapp an die Schulter. Traudel ergriff sogleich Cornelias Hand, als befürchte sie, Cornelia könne verloren gehen, und zog sie mit sich nach unten in die Bahnhofshalle, wobei sie erklärte:

„Wir müssen erst durch den Tunnel der Tränen, um zur SBahn nach Wilhelmshagen/Erkner zu kommen.“

Cornelia schaute fragend. „Du weißt doch, der Tunnel der Tränen ist der Abfertigungstunnel – der Gang von Ost nach West. Hier wurden die Menschen mit einer Besuchserlaubnis durchgelassen oder – nach Belieben – zurückgeschickt.“

Cornelia sah im Geiste die Menschenschlange vor sich, die hier stets wohlgeordnet, aber mit klopfendem Herzen gestanden hatte, wer weiß wie oft vergebens auf ihre Angehörigen von drüben wartend. Ein flaues Gefühl, das in Wut überging, machte sich in Cornelia breit.

Der Empfang in Wilhelmshagen war herzlich, und schnell stellte sich heraus, daß es sogar gemeinsame Bekannte in Dresden gab.

Cornelia erwachte im ersten Morgengrauen. Das Lager, auf dem sie nächtigen durfte, entsprach mit seiner Härte auch nicht annähernd dem ihr gewohnten Komfort. Arme und Beine fühlten sich nicht als zu ihr gehörig, irgendwie taub an. Sie richtete sich vorsichtig auf, stieß sich den Kopf an einem Dachbalken und schaute sich verschlafen in dem winzigen Kämmerchen um. Die Liege knarrte derart laut, daß Traudel hoch schreckte.

„Du bist schon wach?“ Normalerweise war Traudel die Frühaufsteherin. „Kannst du nicht schlafen?“

„Es ist die ungewohnte Umgebung. Hoffentlich habe ich dich nicht geweckt?“

Sie redeten eine Weile leise miteinander, dann wollte Cornelia wissen, wer zuerst aufstehe. Es konnte sich immer nur eine an dieser Hühnerstiege hinunterhangeln.

„Bitte, laß mich die erste sein, Traudel! Ich bin lendenlahm und muß all meine Knochen richten“, lachte Cornelia.

Morgengrauen – gerade einmal 6 Uhr 30, also genügend Zeit, ein gemütliches Frühstück einzunehmen. Später wollten sie mit der SBahn in Richtung Alexanderplatz fahren. Auf den Sitzen dösten dann müde Gestalten mit verschlafenen Gesichtern, die nach viel zu kurzer Nachtruhe aussahen.

Den Alex erkannte Cornelia kaum wieder. So viel Neues war da, wie aus dem Boden gestampft. Vorbei am Roten Rathaus strebten sie ins NikolaiViertel, von dem sich Cornelia begeistert zeigte. Trotz Plattenbauweise war ein architektonischer Stil gefunden worden, Neues und Altes aufeinander abzustimmen. Besonders die außergewöhnlichen schmiedeeisernen Verzierungen an den Häusern beeindruckten die beiden Frauen. Cornelia blieb immer öfter stehen, um all die geschmackvoll und solide ausgeführten HandwerkerArbeiten – angefangen bei den Rosen, Füchsen, Glocken und Pferden, größtenteils vergoldet – zu bewundern. Auch hübsche kleine Geschäfte und Boutiquen zogen ihre Blicke auf sich.

Traudel unterbrach Cornelias Staunen:

„Ich sehe, es gefällt dir. Du solltest dabei nicht vergessen, daß das NikolaiViertel zu DDRZeiten als das VorzeigeViertel galt – im Gegensatz zu Dresden.

„Du hast recht, trotzdem bin ich begeistert.“

„Was ich verstehe, ich bin es ja selbst.“