Kapitel 08 Politische und private Umwälzungen

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10. November 1989. An diesem Tag stand es schwarz auf weiß in der Zeitung:.

„So können künftig DDR-Bürger kurzfristig und ohne große Formalitäten ausreisen und Privatreisen unternehmen“, verkündete nach einstündiger Pressekonferenz in Ost-Berlin das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski.

In der DDR, der Bundesrepublik und besonders in Berlin überschlugen sich die Ereignisse: Am Grenzübergang Invalidenstraße herrschte in der Nacht bereits das totale Chaos, wie im Fernsehen zu sehen war. Den Grenzposten lagen keine konkreten Weisungen vor, so daß sie improvisieren mußten. Westliche Journalisten, französische Kamerateams, Menschen, die voran drängten und all das noch nicht richtig begreifen konnten. „Der Richtfunksendemast des Senders Freies Berlin steht schon mitten im Menschengewühl“, hörte Cornelia einen Fernsehnachrichtensprecher sagen.

Kurz nach der Meldung, daß die DDR bereit sei, weitere Grenzübergänge zu öffnen, wurde damit begonnen, Breschen für die neuen Übergänge in die Mauer zu schlagen. Eine Menschenmenge von etwa fünfhundert Westberlinern riß in Spandau ein Stück der Mauer ein.

12. November 1989. An diesem Sonntagmorgen, um 5 Uhr 35, wurde die Mauer am Potsdamer Platz durchbrochen.

Nicht nur Cornelia glaubte sich wie in einem Traum. Sie wagte sich kaum die Frage zu stellen: Bestand jetzt die Hoffnung, daß eines Tages die ganze Mauer abgerissen würde? Und konnte sie dann sogar ungehindert in ihre alte Heimatstadt Dresden fahren? Sie durfte nicht weiter darüber nachdenken, es wäre zu schön.

Berlin stand im Mittelpunkt des Interesses und wurde plötzlich zum Nabel der Welt. Die Fernsehjournalisten aller Herrgottsländer versuchten an diesen ereignisreichen Tagen dabei zu sein. Sie standen an vorderster Front, um ja nichts zu verpassen.

Zehntausende DDRler fuhren an diesem Wochenende nach Berlin, in den jetzt zugänglichen Westteil der Stadt. Auch Cornelias Cousine mit Familie aus Dresden befand sich unter den Ausflüglern.

Die SED kündigte freie, allgemeine und vor allem geheime Wahlen an. Das war eine weitere Sensation; denn so etwas hatte es in den vergangenen vierzig Jahren nicht gegeben. Man rechnete mit einem baldigen Treffen unter der Beteiligung von Bundeskanzler Kohl, und DDR-Chef Egon Krenz sprach von tiefen historischen Einschnitten in der Nachkriegsgeschichte.

Die Menschen tanzten auf der Berliner Mauer und lagen sich in den Armen. Jubelnd, lachend und weinend drängten sich die Leute durch die verwinkelten Gassen des Überganges. Kontrollen blieben aus. Viele Ostler waren einem Rausch nahe, als sie die prallgefüllten Läden und die Kioske mit den Zeitungen aus aller Welt sahen.

Erich Honecker, die bisherige Nummer Eins, der Mann an der Spitze, verstand wie viele seiner treuen Genossen die Welt nicht mehr. Aber nicht nur die Welt. Vor allem verstand er seine Partei nicht, die ihm plötzlich sogar mit einem Parteiausschlußverfahren drohte und ihn einfach ins Nichts abschob. SED-Generalsekretär Egon Krenz, sein Ziehkind, war jetzt der mächtige Mann.

Eine vorläufige Regierung unter dem neuen Ministerpräsidenten, dem früheren Dresdner SED-Bezirkschef Hans Modrow, wurde gebildet. Er stellte sich strikt gegen eine Wiedervereinigung und wollte das gesamte Volk der DDR zu einem besseren Sozialismus führen.

Cornelia war sich darüber im klaren, daß es Menschen gab, deren Glaube an die Verwirklichung der sozialistischen Idee eines real existierenden Sozialismus nie enden oder tot sein würde.

Sie klammerten sich an diese Idee auch weiterhin, wie Ertrinkende an einen Strohhalm, wollten die Zeichen der Zeit, das Aufbegehren der unterdrückten Bürger ihres Landes nicht verstehen. Sie setzten darauf, jetzt einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz schaffen zu können. Den konnte es aber nicht mehr geben – die DDR war am Ende.

Die Geschichte würde es zeigen – alles bewegte sich auf eine Wiedervereinigung zu, sofern auch Rußland grünes Licht gab und kein Veto einlegte. Die Westmächte, darunter England und Frankreich, standen dieser vollkommen neuen Situation etwas skeptisch gegenüber. Man befürchtete schon eine neue Großmacht Deutschland. Noch gab es zwei deutsche Staaten. Cornelia glaubte, gemeinsam mit den Vereinigten Staaten würden auch die Franzosen und Engländer zu guter Letzt einer Wiedervereinigung zustimmen.