Kapitel 08 Politische und private Umwälzungen

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Nicht nur in Leipzig riefen die Menschen in Sprechchören:

Wir sind das Volk!

„Der 9. Oktober 1989 war besonders spannungsgeladen, weil bei der anstehenden Montagsdemonstration in Leipzig das Schlimmste befürchtet wurde. Man erwartete nach den vorangegangenen Ereignissen nicht nur eine weitere Zunahme der Teilnehmenden, sondern rechnete nach dem Ende der Feierlichkeiten auch mit einem besonders harten Vorgehen der Staatsmacht. In den Stadtkirchen und über den Leipziger Stadtfunk wurde daher ein Aufruf verlesen, der die Unterschriften so unterschiedlicher Personen wie des Kapellmeisters des Gewandhauses, Kurt Masur, des Pfarrers Peter Zimmermann, des Kabarettisten Bernd-Lutz Lange und der drei Sekretäre der SED Bezirksleitung Leipzig trug und zu einem freien und friedlichen Dialog aufforderte.“

Trotz massiver Drohungen gingen 70 000 Menschen auf die Straße. „Wir bleiben hier!“ war der Ruf derer, die zum weiteren Problem wurden, da man den Gehenden keine Träne nachweinte.

Auch in Berlin wurde demonstriert. Spruchbänder mit Parolen wurden entrollt:

Das Volk sind wir, gehen solltet ihr!

Für ein Leben ohne Stasi-Terror!

Die Menschen der DDR erkämpften sich in einer unblutigen Revolution ihr Recht auf Freiheit, auch wenn dies in die Betonköpfe der DDR-Regierenden immer noch nicht hinein wollte. Michail Gorbatschow hatte nicht umsonst zu Erich Honecker bei den Vierzig-Jahr-Feierlichkeiten gesagt:

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Honecker hatte es schwer bestraft.

08. November 1989. Eine Meldung der Tagesschau schlug nicht nur bei Cornelia wie eine Bombe ein: Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik sei geschlossen zurückgetreten, hieß es da. Zuvor hatten die noch Regierenden an die Bürger ihres Landes appelliert, ihre Absicht, die DDR zu verlassen, noch einmal zu überdenken. Ein jeder solle seine Kräfte einsetzen, damit die für die Gesellschaft und Wirtschaft lebensnotwendigen Funktionen aufrechterhalten blieben und die Menschen nicht in einer Art Hysterie Massenflucht begingen.

09. November

Ein Datum, welches Cornelia bisher mit Revolution, Hitler-Putsch und Reichspogromnacht in Verbindung brachte. Sie erinnerte sich noch genau daran, mit welchem Entsetzen ihre Eltern 1938 den Großeltern von der Plünderung jüdischer Geschäfte und dem Brand der Dresdner Synagoge erzählt hatten. Und nun sah es so aus, als würde der 9. November wieder zu einem schicksalsträchtigen Tag der Deutschen werden.

Die 20:00UhrNachrichten hatte sie verpaßt, denn Peter lag mit einer Erkältung im Bett und bedurfte ihrer Pflege. Sie schaltete daher den Fernseher ungewohnt spät ein, gerade noch rechtzeitig, um zu hören, daß die DDR-Regierung dem Wunsch und Drängen der Massen nachgekommen sei und bereit wäre, ihre Grenzen zu öffnen - achtundzwanzig Jahre nach dem Mauerbau. Jeder DDR-Bürger könne ab morgen 8 Uhr ein Visum erhalten. Die Regelung trete sofort in Kraft. Cornelia glaubte sich verhört zu haben, verschüttete vor lauter Aufregung den soeben aufgebrühten Tee und konnte in dieser Nacht kein Auge schließen.