Kapitel 08 Politische und private Umwälzungen

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Würden die DDR-Machthaber diesem Massenexodus tatenlos zusehen, fragte sich Cornelia immer wieder. Würde der Russe eingreifen, musste es nicht zwangsläufig zu Spannungen zwischen Ost und West kommen? Vielleicht sogar zu einem Krieg? Keiner wußte schließlich, wozu Erich Honecker und Genossen fähig waren, wenn es um den Verlust ihrer Macht, womöglich um ihren Kopf ging. Im Verlauf des Septembers spitzte sich die politische Lage in der DDR dramatisch zu. Die Messestadt Leipzig entwickelte sich durch ihre Montagsdemonstrationen zu einem Zentrum des politischen Aufruhrs. Die Sicherheitsbehörden der DDR griffen hart gegen die demonstrierenden Bürger durch, wenn sie sich montags zu einem traditionellen Friedensgebet in der Nikolaikirche trafen. Auch wenn diese Gebete bereits seit Jahren verrichtet wurden, so erhielten sie erst ab März 1989 offenbar politisches Gewicht. Im März 1988 sollen sich erstmals eine Handvoll Leute verschiedener Altersgruppen, von der Vopo ungehindert, zu einem Protestmarsch zur Thomaskirche aufgemacht haben. Zu dieser kleinen Gruppe von Menschen stießen bald Hunderte hinzu. Schnell wuchs die Menge auf dreitausend, zuletzt auf dreihunderttausend Bürger/Innen und mehr an. Verhaftungen folgten und gehörten später bei den Montagsdemonstrationen zur Tagesordnung. Ermutigt durch den Erfolg dieser Aktionen wurden nun sogar politische Organisationen und Bürgerbewegungen gegründet – am 10. September das Neue Forum, am 12. September Demokratie Jetzt.

Während später, nach den Ereignissen, Politiker für die Wiedervereinigung geehrt wurden, blieben die Namen der ersten Leipziger Demonstrant/Innen, die es unter Einsatz ihres Lebens gewagt hatten, diesem Staatssystem die Stirn zu bieten, unbekannt. Keiner fragte nach ihnen. Verschwanden sie in der Versenkung, um den Glorienschein der Politiker in den Geschichtsbüchern nicht zu schmälern? Um die Lehrbücher reinzuhalten vom Beispiel einer geglückten Revolution gewaltfreien Widerstandes?

Cornelia hatte noch nie so viel Zeit vorm Fernseher oder dem Radio verbracht, wie in diesen Wochen, wo jeder Tag eine andere sensationelle Neuigkeit hervorbrachte. Der Stift und ihr Notizbuch lagen stets griffbereit, um ja alles detailgetreu mitzuschreiben. Manchmal ging das nur in Steno, da sich die Ereignisse überstürzten. Sie wußte aus Erfahrung, wie schwer es fiel, sich später an Einzelheiten zu erinnern. In diesen Wochen war es wie ein innerer Zwang, eine Stimme, die ihr befahl: schreib mit!!! Vielleicht würde sie zu gegebenem Zeitpunkt diese turbulente Zeit einmal in einem Buch dokumentieren. Ohne sofortige Niederschrift ließen sich die Bilder jedoch nie mehr so hervorzaubern, weil dann vieles nicht mehr parat war.

Kurz vor den großen Jubiläumsfeierlichkeiten zur 40jährigen Gründung der DDR - am 7. Oktober 1949 - , gab Ostberlin, nach der zweiten Massenausreise von zirka achttausend DDR-Flüchtlingen aus Prag, sogar grünes Licht für die Ausreise der Zufluchtsuchenden in der Warschauer Botschaft, die in Zelten und bei eisiger Kälte auf dem Territorium der Botschaft ausgeharrt hatten. Die Menschen weinten und jubelten in einem Atemzug. Bei den Fernsehübertragungen hörte man die in Freiheit im demokratischen Westen Angekommenen „Wahnsinn“, „es ist der helle Wahnsinn“ stammeln.

Cornelia verfolgte damals täglich die neuen, oft verwirrenden Meldungen, die Freude, aber auch Angst in ihr auslösten. Gespannt schaute sie auf die Bilderflut im Fernsehen, dachte an ihre Freunde und Verwandten in der alten Heimat. Fand eventuell einer der Ihren den Mut zum Schritt in die Freiheit? In der Nacht vom 5. zum 6. Oktober demonstrierten immerhin mehrere tausend Menschen in der Bahnhofsnähe von Dresden für ihre Ausreise, etliche wurden festgenommen und einige schwer mißhandelt. Andere hatten Tage zuvor auf die aus der Tschechei und Polen kommenden Züge gewartet, um aufspringen zu können und so in den freien Westen zu gelangen.

Cornelias Cousine schrieb:

„... Du kannst Dir nicht vorstellen, was hier los ist: überfüllte Züge, vollgestopfte Sonderzüge in die Tschechei. Trabis und Wartburgs, Stoßstange an Stoßstange, deren Insassen alle nur von einem Wunsch, einem Gedanken beseelt sind: Flucht in den Westen, solange es noch möglich ist. Wir sind unentschlossen, vielleicht sogar zu feige. Ich habe nicht die Kraft, alles zurückzulassen, aufzugeben. Ja, wenn wir zwanzig wären, aber so? Vielleicht wird es ja jetzt wirklich besser. Wenn jeder von uns raus will, wo sollen die vielen Menschen untergebracht werden, Arbeit und Wohnung finden? Gebratene Tauben werden auch bei Euch keinem in den Mund fliegen. Was meinst Du? ...“