Kapitel 08 Politische und private Umwälzungen

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2. Mai 1989. Peter und sie saßen vor dem Fernseher, um die 20:00UhrNachrichten zu schauen. Ein einziger Satz ließ Cornelia buchstäblich aus dem Sessel hochfahren, als der Sprecher berichtete, daß Ungarn an diesem Tag nahe der Ortschaft Köszeg an der Grenze zu Österreich damit begonnen habe, die elektronischen Sicherungsanlagen und den Stacheldrahtverhau abzubauen. Ihr lief es abwechselnd heiß und kalt den Rücken hinunter, denn diese Meldung machte sie im ersten Moment völlig sprachlos. Sie fragte ganz aufgeregt:

„Hast du das gehört, Peter?“

„Was?“

„Na, daß Ungarn den Grenzzaun abbauen will?“

„Ja, und?“

„Begreifst du denn nicht, welche Chance damit für die Menschen in der DDR verbunden ist?“

„Was für eine Chance?“

„Die Chance, um politisches Asyl zu bitten.“

„Ich meine, du bildest dir da etwas ein.“

„Ganz und gar nicht! Wenn Ungarn sich zu einem solch revolutionären Schritt bereit erklärt, heißt das für mich, sie kündigen die Solidarität zu den Ostblockstaaten und stellen das Prinzip des „Eisernen Vorhangs“ in Frage. Hast du überhaupt eine Ahnung, welche Konsequenzen sich daraus ergeben können?“

„Nein! Außerdem bin ich der Meinung, du überwertest das.“

Er begriff nichts, aber auch gar nichts. Wie sollte auch ein Mensch, der nie in der DDR gelebt hatte, diese Information mit ihren geheimen Zwischentönen in ihrer Bedeutung erfassen können! Für Cornelia hingegen klang diese Meldung wie Musik in den Ohren. Und sie wußte, viele andere würden dasselbe empfinden und wie sie reagieren – vor allem die da drüben. Gut vorstellbar, daß manch DDRler, der seinen Urlaub in Budapest verbrachte, bei der Bonner Botschaft anklopfte. Wäre sie an seiner Stelle, würde sie die plötzliche Chance keinesfalls ungenutzt verstreichen lassen. So war es auch: Aus Einzelbewerbern wurde langsam ein Rinnsal, das sich bald zu einem Strom entwickelte.

Trotzdem dauerte es noch bis 10. September 1989, daß Ungarn seine Grenzen zu Österreich ganz öffnete. Ab dem 11. September 1989 gestattete die ungarische Regierung DDR-Bürgern den legalen Grenzübertritt nach Österreich. Bis Ende September waren es insgesamt 32500 DDR-Bürger , die von dieser Möglichkeit Gebrauch machten. Zudem belagerten Tausende von Ausreisewilligen tagelang die Bonner Botschaften in Warschau und Prag, um somit ihre Ausreise zu erzwingen. Die Botschaft der Bundesrepublik in Prag mußte sogar binnen zwei Wochen wegen Überfüllung geschlossen werden. Alles geriet in helle Aufregung. Eine Massenflucht setzte ein. Zigtausend DDR-Bürger wählten allein den Weg über Ungarn-Österreich in die westliche Freiheit. Keiner wußte zu diesem Zeitpunkt, wo das enden würde. Orkanartiger Jubel brach los, als der Außenminister der BRD, Hans-Dietrich Genscher - nach Verhandlungen mit seinem DDR-Amtskollegen Oskar Fischer am Rande einer UNO-Vollversammlung - den hoffnungsvoll in der Prager Botschaft Wartenden mitteilte, ausreisen zu dürfen. Anfang Oktober kamen sie in Sonderzügen angereist.