Kapitel 07 Abschied

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Kaum wußte sie ihn im Taxi, drehte sie sich um. Die Beherrschung fiel von ihr ab wie eine zweite Haut. Das maskenhaft starre Gesicht ließ Schwäche erkennen. Es zuckte für Sekunden verräterisch um ihre Mundwinkel, und eine Träne rollte zeitlupenhaft aus ihrem linken Auge, hing wie ein verirrter Tropfen auf ihrer Wange, bevor sie langsam zum Kinn und von da hinunter zum Hals lief. Jetzt laut schreien dürfen, mit den Fäusten gegen die Tür oder die Wände schlagen, sich bei irgend jemanden anlehnen oder mit den Füßen bis zur Besinnungslosigkeit trampeln – ein Impuls, fast nicht mehr zu unterdrücken, dem sie jedoch nicht nachgeben durfte. Contenance bewahren, hörte sie im Geist ihre Großmutter sagen. Doch wie schwer war das!!! Einige Sekunden, ihr Körper streckte sich – hocherhobenen Hauptes ging sie zurück ins Krankenzimmer. Stunde um Stunde verrann. Cornelia betrachtete das einst so schöne und jetzt aufgedunsene Gesicht ihrer Mutter, das so fremd wirkte. Sie schaute in die von einem unwahrscheinlichen Blau durchdrungenen Augen, die so abwesend blickten, nicht im Dies, nicht im Jenseits. Die Stirn und der Nacken fühlten sich heiß an, als hätte sie Fieber. Cornelia legte ihr ein feuchtkaltes Handtuch unter das Genick, strich die verschwitzten Haare aus der Stirn und nahm sie in den Arm.

Der Minutenzeiger kroch schneckengleich auf die zwölf zu – 20:00 Uhr. Täuschte sie sich? Nein, im Nebenzimmer erklangen Weihnachtslieder ...

„Leise rieselt der Schnee, Stille Nacht, Heilige Nacht ...“

Da Hoffnung, hier Trauer! Sie, die nach der schrecklichen Bombennacht von Dresden, in der sie zusehen mußte, wie Menschen vor ihr am lebendigen Leib verbrannten, nicht mehr an Gott glauben konnte, faltete ihr Hände und ihre Lippen formten sich zu einem Gebet, dem Gebet um Erlösung und Aufnahme ihrer Mutter in sein Reich. Tränen rollten an ihren Wangen entlang, immer heftiger, als hätte jemand eine Quelle freigelegt. Sie getraute sich nicht, die Tränen abzutupfen, weil sie die Hände ihrer Mutter nicht loslassen wollte. Sie fröstelte. Plötzlich – Mitternacht war längst vorüber – glaubte Cornelia, aus dem Mund ihrer Mutter ganz deutlich den Namen Papas zu hören. Der Atem der Kranken ging schwer und schwerer. Der Morgen kündigte sich an: ein tiefer Seufzer, ein allerletztes Ausatmen, dann herrschte Stille. Ihre Seele hatte Frieden gefunden.

Cornelias Zeitgefühl war abhanden gekommen. Sie saß einfach da und schaute auf dieses auf einmal so friedlich wirkende Antlitz ihrer Mutter. Endlich erwachte sie aus ihrer Erstarrung und klingelte nach der Schwester. Mit ihr gemeinsam fuhren sie das Bett nach draußen. In einer Nische half sie der Schwester, ihrer Mutter ein frisches Nachthemd anzuziehen. Sie legte ihr einen kleinen Strauß Blumen, die sie im Leben so geliebt hatte, zwischen die noch warmen Finger und faltete deren Hände.

Cornelia fiel es schwer, sich von der Toten zu lösen. Die Bindung zu beiden Elternteilen war sehr eng, auch wenn manchmal das Gefühl überwog, von der übergroßen Liebe, die ihr die Mutter stets entgegengebracht hatte, erdrückt zu werden. Ihr Tod würde eine große Lücke hinterlassen, und sie wußte, daß sie ab sofort die Verantwortung für ihren Vater trug. Ein letzter Blick auf die Entschlafene, dann drehte sich Cornelia um. Sie zog ihren Mantel an und verließ die Station. Um niemandes Ruhe zu stören, schlich sie fast auf Zehenspitzen über die langen Gänge. Sie zuckte erschrocken zusammen, als die Ausgangstür des Hauses geräuschvoll hinter ihr zuschlug. Sie setzte automatisch einen Schritt vor den anderen, stieg in ein Taxi und fuhr zu ihrem Vater, um ihm die Todesnachricht zu überbringen und mit ihm alles für die Beerdigung zu regeln.

Cornelia hoffte, ihr Vater werde nach der jahrelangen, aufopfernden Pflege seiner Frau und der zermürbenden Zeit, die hinter den Trauernden lag, endlich wieder zu sich selbst finden, sich erholen, etwas Lebensfreude zurückgewinnen. Was in ihrer Macht lag, wollte sie dazu beitragen. Sie trafen sich dreimal wöchentlich in der Stadt, machten Spaziergänge und gingen ins Cafe, um zu entspannen und zu plaudern. Sonntags kam er zu ihr und Peter zum Essen.

Mit ihrem Vater konnte sie über alles reden, stellte Cornelia wieder einmal fest. Zwischen Peter und ihr schien das nicht möglich zu sein. Ihr Vater war ein wissensdurstiger, allen Bereichen des Lebens gegenüber aufgeschlossener Mensch. Er freute sich mit ihr über ihre Erfolge im Beruf, baute sie auf und gab ihr Kraft, wenn sie sich gesundheitlich nicht wohl fühlte. Sein ganzes Wesen strahlte Ruhe aus. Er war da, wann immer sie ihn brauchte, und zeigte sich voller Stolz mit seiner Tochter, ganz Kavalier der alten Schule. Sie hoffte, ihn noch lange um sich zu haben. Aber wie heißt es so treffend: Der Mensch denkt, das Schicksal lenkt.