Kapitel 06 Der Tod streckt seine Hand aus

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Ja, sie wollte gesund werden und leben: für ihren Mann, wie immer für die Eltern da sein und möglichst bald damit anfangen, Romane zu schreiben. Sie fühlte, daß in ihr trotz allem noch viel Energie und Lebenswille steckten. Nach acht Wochen konnte sie mit der Auflage, sich in einer UniKlinik einer Koronarangiographie zu unterziehen, endlich das Krankenhaus verlassen.

Peter, für den schon ein Besuch im Krankenhaus etwas Schreckliches darstellte, wollte wissen:

„Was meinst du, muß ich bei dieser Untersuchung unbedingt dabei sein?“

Auch wenn sie sich davor fürchtete und auf seine Begleitung gehofft hatte, verneinte sie, was ihn erleichtert aufatmen ließ. Ihrem Vater, den sie von Sorgen um ihre Mutter belastet wußte, teilte sie erst gar nichts davon mit. Kurz entschlossen bestellte sie ein Krankentransporttaxi und ließ sich in die nächste UniKlinik fahren. Auf das, was dann folgte, war sie allerdings nicht vorbereitet. Nachdem der Fahrer ihre Ankunft in der zuständigen Abteilung gemeldet hatte, lag sie geschlagene zwei Stunden lang auf einer Trage im Gang. Sie beschwerte sich schließlich lautstark, worauf ein junger Pfleger sie in einen kleinen Raum führte, in dem sie sich auf einer Liege ausstrecken durfte. Wenig später betraten zwei Studenten das Zimmer:

„Würden Sie sich bitte ausziehen? Wir müssen ein EKG machen.“

„Ich habe alle Unterlagen vom Krankenhaus mitgebracht.“

„Ja, es muß trotzdem sein.“

Sie zählten ihre Rippen ab, um die Näpfe für das EKG zu setzen, und stellten sich derart ungeschickt an, daß Cornelia fragte:

„Ich bin wohl Ihr erstes Versuchskaninchen? Routine scheinen Sie noch nicht zu haben.“

Keine Antwort; dafür wurde sie gebeten auf ein Ergometer zu steigen. Ihr wurde speiübel. Die beiden jungen Leute fingen sie gerade noch auf, bevor eine Ohnmacht sie einhüllte. Eine weitere halbe Stunde verstrich, ohne daß jemand vorbeischaute. Erst dann wurde sie zum Hoheitsgebiet der „Götter in Weiß“ vorgelassen und durfte Platz nehmen.

Der Arzt studierte ihre Krankenhausunterlagen und begann:

„Wie Sie sicherlich wissen, handelt es sich bei einer Koronarangiographie um keinen einfachen Eingriff. Bevor er vorgenommen wird, sollten Sie dieses Schreiben unterzeichnen. Wir müssen uns schließlich in jeder Beziehung juristisch absichern, wie Sie bestimmt verstehen werden“, wobei er das „juristisch“ besonders betonte.

In Cornelia keimte plötzlich ein schrecklicher Verdacht, der nach einem TV-Bericht über diese Klinik nicht von der Hand zu weisen war. In der Pathologie dieses Hauses fehlte es an Leichen zur Ausbildung der Medizinstudenten. Hieß das etwa, man wollte sich einer – eventuell ihrer Leiche versichern? Anders konnte sie dieses „juristisch absichern“ nicht deuten. Vom Saarbrücker Krankenhaus wußte sie um die notwendige schriftliche Einwilligung zu diesem Eingriff, wozu sie sich bereit erklärt hatte. Aber die Arroganz dieses Arztes machte ihr Angst; und ihr Gefühl forderte zur Rebellion auf. Nein, mit ihrer Leiche würden sie hier nicht rechnen können, überlegte sie. Auf keinen Fall! Ihre Antwort gegenüber dem Weißkittel lautete deshalb:

„Nach der Aufklärung, die Sie mir haben zuteil werden lassen, bin ich nicht in der Lage, Ihnen nur einen Funken Vertrauen entgegenzubringen. Ich werde mich nicht unter Ihre Hände begeben, selbst dann nicht, wenn mein Leben davon abhängt. Bitte rufen Sie den Fahrer des Krankentaxis. Er möchte mich nach Hause bringen. Ich werde die Kasse verständigen; die Angiographie ist gestrichen, Herr Doktor. Guten Tag.“

Sie erhob sich und verließ auf schwankenden Beinen das Zimmer. Diese anmaßende, menschenunwürdige Behandlung machte sie wütend. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben, und es gelang ihr nur schwer, ihre Tränen im Taxi zurückzuhalten. Nein, dort würde man sie nicht wiedersehen, schwor sie sich.

Die einzige, zu der sie nach wie vor Vertrauen hatte, war ihre Hausärztin. Die versuchte, ihr mit einer Therapie auf pflanzlicher Basis weiterzuhelfen. Cornelia wußte, daß diese Behandlung länger dauern würde und sie vor allem viel Geduld aufbringen mußte. Aber sie hatte den festen Willen, es zu schaffen.

Ihr Mann, ihre Eltern, Kolleginnen und Freunde versuchten, ihr Mut zu machen. Nach über acht Monaten Behandlung und dem Aufenthalt in einer RehaKlinik konnte sie das erste Mal wieder ihren Dienst antreten. Sie hatte es geschafft, dem Sensenmann von der Schippe zu springen.