Kapitel 06 Der Tod streckt seine Hand aus

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Martha schloß sie in ihre Arme und drückte Cornelia herzlich zum Empfang, schob sie dann aber ein wenig von sich:

„Nehmen Sie mir’s nicht übel, Frau Schorn, braun gebrannt, aber erholt sehen Sie nicht aus! Geht es Ihnen nicht gut?“

„Nein, ich fühle mich miserabel.“

„Ich glaube, Ihnen hat unser Kaffee gefehlt. Ich koche uns sofort einen und Sie werden aufblühen.“

„Hoffentlich!“

Nach und nach kamen die anderen Kolleginnen und wollten wissen, wie der Urlaub verlaufen war. Bald versammelte sich die komplette Mannschaft. Martha stellte eine Tasse Kaffe auf Cornelias Schreibtisch, und Cornelia trank in kleinen Schlucken. Plötzlich spürte sie, wie der Brustkorb von einem eisernen Panzer umschlossen zu werden drohte. Ein Panzer, der sich immer mehr zusammenzog, ihr die Luft abschnürte und ihr ein glühendes Schwert durch den linken Arm jagte. Verzweifelt versuchte sie den Kragenknopf ihrer Bluse zu öffnen. Es kostete sie Mühe, sich zu erheben, um das hinter ihr befindliche Fenster zu erreichen. Ihre Finger umklammerten den Fenstergriff, als der Schmerz in der Brust unerträglich wurde und schließlich eine wohltuende Ohnmacht von ihr Besitz ergriff.

„Herzinfarkt“ lautete die Diagnose, als sie im Krankenhaus erwachte. Jemand streichelte behutsam ihre Hand, und sie hörte wie durch eine Nebelwand das Flüstern:

„Du darfst nicht aufgeben Kind, mußt kämpfen, leben. Was sollen wir ohne dich anfangen. Wir brauchen dich und haben dich so lieb. Du bist doch unser einziger Lichtblick, alles, was wir haben, wofür wir leben.“

Sie schlug die Augen auf und sah einen Mann im grünen Kittel mit schlohweißem Haar, ein von Sorge gezeichnetes Gesicht, das Gesicht ihres Vaters. Peter, der große, so stark wirkende Mann, stand mit Tränen in den Augen an der Tür. Die Bilder verschwammen vor ihren Augen, und sie fiel erneut in einen tiefen Schlaf. Wie lange? Als sie wieder zu sich kam, wußte sie nicht, wie viele Stunden seither vergangen waren, welches Datum sie schrieben, ob es morgens oder nachmittags war. Sie spürte nur, daß ihre Hand krampfhaft von einer anderen umklammert wurde. Es kostete sie unglaubliche Mühe, die ihres Empfindens verklebten Lider zu öffnen. Endlich schaffte sie es und blickte in das Gesicht ihres Vaters, der noch immer an ihrem Bett saß und ihre Hand hielt. Vergeblich versuchte der alte Mann, die an seinen Wangen herabrinnenden Tränen zu verbergen. Als sie seine Finger drückte, beugte er sich zu ihr herab und gab ihr behutsam einen Kuß auf die Stirn.

„Wie geht es dir, mein Kind, meine liebe Conny?“

„Es wird schon werden. Du solltest nach Hause zu Mutti fahren und sie von ihrer Angst und Sorge um mich befreien.“

Der Schock über die Krankenhauseinlieferung der geliebten Tochter war für die herzkranke Frau zu groß gewesen, so mußte sie zuhause warten.

„Sicher hast du recht, aber ich bleibe auch ebenso gern bei dir, wenn du möchtest.“

„Ich weiß, Papa. Ich bin ja in guten Händen. Mach dir also bitte keine Sorgen. Geh ruhig.“

Wie sich herausstellte, war dem Infarkt eine Myocarditis vorausgegangen. Daher auch die schreckliche Müdigkeit im Urlaub. Das Problem, daß fast jedes Herzmedikament bei ihr eine Allergie auslöste, manchmal gar einen Kollaps, gefährdete jetzt den Heilungsprozeß.

Cornelias Eltern besuchten sie jeden zweiten Tag und sprachen ihr immer und immer wieder Mut zu. Ihre Mutter beschwor sie fast:

„Ich weiß, du wirst gesund werden. Vati und ich beten täglich zu Gott, daß er dir Kraft gibt und dich uns erhält. Ein Leben ohne dich ist für uns sinnlos, einfach kein Leben mehr, Kind.“ Und Papa fügte scherzend hinzu:

„Du hast kein Recht, dich einfach davonzustehlen, schließlich bist du eine Verpflichtung eingegangen: Du mußt deinen und Omas Roman schreiben. Nur du kannst dafür sorgen, daß sie veröffentlicht werden und die Wahrheit ans Licht kommt. Du wirst, nein, du mußt es schaffen! Ich bin fest davon überzeugt. Was hast du denn bisher vom Leben gehabt, Conny? Arbeit und Kummer. In deinem Alter liegen noch so viele schöne Jahre vor dir, wenn du nicht den Mut verlierst. Sei wie immer unser Fels und kämpfe!“

„Ich bin nicht unterzukriegen, gute Ware hält sich!“ lächelte sie zurück.