Kapitel 06 Der Tod streckt seine Hand aus

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Edith Müller sprühte vor Tatendrang. Mit ihrer knabenhaften Figur und ihrem blonden Bubikopf wirkte sie wie eine zum Sprung ansetzende Gazelle, wenn sie ausgehbereit auf dem Balkon des gemeinsamen Zimmers stand und Cornelia zurief:

„Mein Gott, Sie sehen hübsch genug aus! Können wir endlich gehen?“

„Bitte, etwas Geduld, Frau Müller. Wir sind im Urlaub und fahren auch morgen noch nicht zurück. Keine Hektik also am ersten Abend, wenn ich bitten darf!“

Cornelia war keine Langweilerin, verspürte aber nicht die geringste Lust, sich antreiben zu lassen. Sie wollte ihre Umgebung in Ruhe genießen und alles Neue in sich aufnehmen. Natürlich reizten die bis in die Nacht hellerleuchteten Fenster der Geschäfte mit ihren buntschillernden Auslagen, dem südlichen Flair, diesem Auf und Abwogen der Schaulustigen in den Straßen von Riccione. Staunend gingen die beiden Frauen von einem Juweliergeschäft zum nächsten. Sie betrachteten die Auslagen der Boutiquen und Geschäfte; die seidenen Gewänder, Stolen, Tischdecken, Schuhe, Ledergürtel, Taschen und vieles mehr. Zwischendurch tranken sie in einem der vielen Straßencafés einen Cappuccino oder einen Longdrink und schauten den vorbeischlendernden Urlaubern zu. Sie erzählten sich Anekdoten und lästerten über die nach einem Abenteuer Ausschau haltenden Papagallos.

So sehr sich Cornelia auf die allabendlichen Bummel freute, so beunruhigt stellte sie bald fest, daß ihre Kräfte von Tag zu Tag mehr schwanden. Die geringste Kleinigkeit strengte sie an. Totale Erschöpfung hielt sie schon morgens gefangen und ließ sie nicht mehr los. Streckte sie sich unter dem schattigen Dach ihres Sonnenschirms auf dem Liegestuhl aus, fiel sie in eine Art Trance. Es kostete sie äußerste Kraft, nur aufzustehen. Einmal schlug ihr Herz zu langsam, dann wieder raste es, setzte aus, stolperte, was sie besonders ängstigte. Selbst ihr Tagebuch blieb unberührt in der Tasche liegen, da sie sich nicht in der Lage fühlte, eine einzige Zeile zu schreiben. Frau Müller dagegen sprühte vor Lebenslust und Esprit.

„Was unternehmen wir heute, Frau Schorn? Ich dachte an eine Busfahrt nach Florenz oder Milano, morgen vielleicht nach San Marino. Außerdem habe ich ein paar Ausflüge mit dem Schiff ins Auge gefaßt, damit wir in diesen Tagen viel sehen und erleben.“

“Bitte seien Sie nicht böse, Frau Müller, aber ich brauche zwischendurch eine Ruhepause, was keineswegs heißen soll, daß Sie sich meinen Interessen anschließen müssen. Unsere Vereinbarung, daß jede frei entscheiden kann, besteht nach wie vor.“

„Ja, ich weiß“, brummelte die Kollegin, um erbost hinzuzufügen: „Mit Ihnen ist weiß Gott nichts anzufangen. Sie benehmen sich schlimmer als eine lahme Großmutter!“

Hierauf entschwand sie zu einer TagesSchiffsreise. Cornelia fühlte sich durch die Art, in der Frau Müller ihren Unmut zeigte, stark verletzt. Ein Riß entstand in der kollegialen Beziehung. Am Ende ging jede ihre eigenen Wege, und für Cornelia stand fest: Weitere Urlaubspläne würde es nicht geben.

Zurück in Saarbrücken, packte Cornelia tags darauf erneut die Koffer. Peter erwartete seine Frau in Bad Kissingen. Er wollte mit ihr die letzte Woche gemeinsam verbringen und ihr die Gegend zeigen. Ihre Sorgen bezüglich der erneuten Klimaumstellung schienen unbegründet. Die Herzbeschwerden besserten sich, nur die bleierne Müdigkeit blieb. Zum Glück sah ihr das keiner an, im Gegenteil: Von der Sonne Italiens tief gebräunt, wirkte sie wie das blühende Leben, und Peter zog sie besonders oft und hingerissen in seine Arme. Eine wunderbare Woche für beide.

Samstags fuhren sie zurück. Während Peter es sich daheim sofort im Sessel gemütlich machte, begann für die Hausfrau der übliche Streß nach dem Urlaub: Koffer auspacken, Wäsche für die Maschine sortieren, Betten frisch beziehen etc. Am Abend fiel sie müde und total erschöpft ins Bett.

Es folgte ein Montag, den sie nicht vergessen sollte. Sie fühlte sich schlapp und hundeelend. Am liebsten wäre sie nicht aufgestanden. Aber die Pflicht rief. Drei Wochen Urlaub – ein Krankenschein wäre da völlig indiskutabel gewesen. Sie redete sich ein, die Krise werde vorübergehen, und fuhr mit dem Bus zu ihrer Dienststelle.