Kapitel 05 Martha

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Für Cornelia bedeutete dies eine Katastrophe in physischer und psychischer Hinsicht. Da half kein noch so liebevolles Zureden ihrer Eltern. Ihre Mutter erlitt fast einen Schock, als sie Cornelia zu einem Perücken-Fachgeschäft begleitete. Dieses totale Erschrecken ihrer Mutter, das Cornelia im Spiegel mit ansehen mußte, machte der jungen Frau das Ausmaß ihres Haarverlustes erst richtig bewußt.

Panik erfaßte sie, als sie sich die Gefühle ihres Mannes vorstellte, dem Aussehen und Ästhetik besonders viel bedeuteten. Er hatte bisher zwar kein Wort über ihre äußerliche Veränderung verloren. Allein der Gedanke, er könne sich dadurch abgestoßen fühlen, versetzte sie in Depression.

Beim nächsten Besuch im HaarShop begleitete sie die Tochter ihres Mannes. Zwei Frauen im gleichen Alter, die sich gut verstanden. Magdalena schaute sich das Angebot an, und da Cornelia alles egal schien, bestimmte sie kurzentschlossen das Modell, welches der Frau ihres Vaters am besten zu Gesicht stand.

„Diese Perücke finde ich schick. Sie steht dir ausgezeichnet, und der Preis ist in Ordnung“, meinte sie.

An der Kasse drückte sie Cornelia einen Geldschein in die Hand und gratulierte ihr zu der Erwerbung. Ihre Entschlossenheit baute Cornelia auf.

Martha Schulze versuchte so gut es ging, Cornelia aus der Lethargie zu holen. Tröstende Worte, die Martha immer bereit hielt, gaben Cornelia Hoffnung und Mut.

Nach mehr als neun Monaten zeigten sich die ersten zarten Stoppeln auf Cornelias Haupt, und sie konnte über diesen flaumweichen Teppich sogar lächeln. Beglückt strich sie jeden Abend darüber wie bei einem neugeborenen Baby. Ein Jahr später schaffte sie es, kleine Erlebnisse aus dieser schweren Zeit im Freundeskreis zum Besten zu geben.

Noch im vergangenen Winter hatte sie eine schicke Pelzkappe auf ihrer Perücke befestigt und befand sich mit dem Bus auf dem Weg zur Arbeit. In der City stieg sie zusammen mit anderen Fahrgästen aus. Im Gewühl der Mitfahrenden streifte sie am Ausgang die Tür. Der Fahrer rief hinter ihr laut und deutlich:

„Hallo, Fräulein, Fräulein, Sie haben Ihren Hut verloren!“

Jemand tippte ihr von hinten auf die Schulter und sagte:

„Ich glaube, der Fahrer meint sie.“

Da sie auf der Perücke kein Gefühl hatte, entging ihr der Verlust der weiteren Kopfbedeckung völlig. Sie nahm das kostbare Stück in Empfang und bedankte sich, wobei sie ein puterrotes Gesicht bekam und vor Scham am liebsten im Erdboden versunken wäre. Glaubte sie doch, alle müßten sehen, daß sie eine Perücke trage.

Als sie schließlich anderthalb Jahre später zur ersten Dauerwelle gehen durfte, fühlte sie sich wie eine Königin. Ihre Familie, die Kolleginnen und Freunde freuten sich lebhaft mit ihr.

Busoni wurde nach München versetzt. Im Gegensatz zu den hiesigen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ließen sich die Bayern seine Eskapaden nur kurze Zeit gefallen.

Es wurde erzählt, daß sie dem Saubatzi eines Abends auflauerten und er seine Schläge bezog. Er kündigte sofort und wechselte die Firma.