Kapitel 05 Martha

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„Ich weiß nicht recht, Frau Schulze.“

Martha nahm sie erneut in den Arm und flüsterte:

„Kopf hoch! Wo bleibt ihr sonstiges Selbstvertrauen, Sie Gendarm! Versüßen wir uns ein wenig das Leben, auch wenn es noch früher Morgen ist. Sie kochen Kaffee, und ich stifte den Kuchen, einverstanden?“

„Einverstanden.“

Cornelia gab ihre Kündigungspläne auf. Nach außen tat sie, als würden Busonis Schikanen sie kalt lassen, aber ihr Körper bäumte sich gegen diese seelische Vergewaltigung mit einem Allergieschub erster Güte auf. Ihre Neurodermitis war selbst mit Spritzen nicht mehr in den Griff zu bekommen, im Gegenteil, diese hatten für sie schreckliche Folgen. Sie verlor in kürzester Zeit ihre gesamte Haarpracht. Sie, die bisher immer so stolz auf ihr langes und kräftiges Haar schaute, hielt es nun büschelweise in den Händen, sobald sie unter die Brause trat. Sie wagte nicht einmal mehr zum Handtuch zu greifen, um sie abzutrocknen. Eines Tages – Cornelia stand vor dem Badezimmerspiegel – starrte ihr ein fast kahler Schädel entgegen. „Oh Gott, gerade wie eine aus dem Zuchthaus Bautzen entsprungene Inhaftierte“, flüsterte sie. Eine Horrorvision. Immer wieder sah sie in dieses zur Maske gewordene, bleiche Gesicht; ein Gesicht, ein Kopf, die zu ihr gehörten und doch nicht die ihren waren. Oder sollte sie das wirklich sein? Sie schlug voller Verzweiflung mit den Fäusten auf dieses Gesicht ein, damit es sich verändere, denn da war nichts, aber auch überhaupt nichts, was mit der Cornelia Schorn, die sie kannte, noch identisch schien. Die Augen blickten müde, und dunkle Ringe zeichneten sich ab. Tränen rollten ihr an den Wangen herunter, und dann dieser nackte, kahle Schädel. Zum Fürchten! Der nächste Gedanke: Wie würde ihr Mann nach vierzehntägiger Abwesenheit reagieren? Sie hätte schreien mögen, aber Angst schnürte ihr die Kehle zu. Das Spiegelbild zeigte ihr einen Sturzbach von Tränen auf einem fremden Gesicht.

Für manche Frau ist die Vorstellung, eine Brust oder die Haare zu verlieren, das Schlimmste, was ihr passieren kann. Wenn diese Vorstellung zur Wirklichkeit wird, glaubt man verrückt zu werden, möchte sich am liebsten vor aller Welt verstecken. Wenn Männer eine Glatze kriegen, heißt es vornehm: Sie bekommen Geheimratsecken oder eine Denkerstirn. Wenn der Haarwuchs ganz aus bleibt, sind sie plötzlich sexy, wie zum Beispiel Jul Brynner oder Telly Savales-Kojak.