Kapitel 05 Martha

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Martha Schulze bekam seine Hinterhältigkeit als Nächste zu spüren. Das Betriebsklima war zum Zerreißen gespannt nach der Behauptung Busonis, daß er von allen wissentlich belogen werde. Aber wer konnte über Vorgänge, die oft mehr als ein Jahr zurücklagen und die Busoni genauestens studiert hatte, immer haargenau Auskunft geben? Kaum eine. Das führte zu heftigen Diskussionen und Auseinandersetzungen. Heute würde man so etwas als Mobbing bezeichnen. Und so bat er Martha als Vertrauensobmännin zu einem Gespräch unter vier Augen. Er erflehte ihren Rat, und bat, ihm zu sagen was er in der Führung der Belegschaft falsch mache. Sie könne offen reden. Sie blieb ihm keine Antwort schuldig, worauf er sich überschwenglich bedankte und versicherte: „Sie glauben gar nicht, wie sehr Sie mir geholfen haben. Ich werde über alles nachdenken.“

Er dachte nach, aber auf seine Weise, indem er sie und andere zu schikanieren begann. Auch Cornelia blieb nicht ungeschoren: Einmal fehlte im Brief ein Komma, dann paßte ihm ihr Schreibstil nicht mehr. Sie erinnerte sich an Herrn Schneider, der ihre individuelle Art der Korrespondenz geschätzt hatte; Busoni bemängelte jetzt ihre Zuvorkommenheit den Versicherungs-Mitgliedern gegenüber. Er bestand auf Textbausteinsätzen – insbesondere bei Ablehnungsbescheiden. Eines Tages knallte er ihr vor allen Mitarbeiterinnen einen Brief auf den Tisch und schrie mit sich fast überschlagender Stimme: „Wenn Sie Schriftstellerin werden wollen, bitte, noch sind Sie Abteilungsleiterin! Hier werden Geschäftsbriefe und keine Romane verlangt, Frau Schorn!“

Damit gab er ihr das Stichwort. Ihr Beruf ließ ihr bisher kaum Zeit, Gedichte oder kleinere Episoden aufzuschreiben. Was hielt sie eigentlich davon ab, fragte sie sich, hiermit wieder anzufangen? Und fortan füllte ihr Stift die Seiten ihres Notizbuches.

Die Zeit, die sie im Büro durchstehen mußte, wurde von Tag zu Tag zermürbender. Cornelia fühlte sich bei den dauernden Querelen gesundheitlich überfordert. Um Leistung erbringen zu können – und die wurde von den Mitarbeitern in hohem Maße verlangt –, bedurfte es für sie einer harmonischen Umgebung. Da diese entfiel, zog sie einen Stellenwechsel in Erwägung. Allein Martha brachte ihren Entschluß ins Wanken. Sie kamen beide als erste ins Büro, so wurden gravierende Dinge entweder vor der Arbeit oder in der Kaffeeküche ausdiskutiert.

Cornelia erinnerte sich genau an den Tag, als sie Martha von ihren Überlegungen in Kenntnis setzte. Diese sprang von ihrem Stuhl auf, kam auf sie zu und nahm sie einfach in ihre Arme:

„Schlagen Sie sich solch einen Unsinn aus dem Kopf! Das kommt überhaupt nicht in Frage, Frau Schorn! Wir stehen das gemeinsam durch. Busonis kommen und gehen, wir aber werden bleiben, glauben Sie mir. Menschenskind, Sie sind mir in der Zwischenzeit so ans Herz gewachsen, daß ich einen derartigen Blödsinn – von wegen Kündigung – weder hören noch dulden kann. Wir haben in letzter Zeit wie Ackergäule geschuftet, vor Erschöpfung geheult, aber auch viele frohe Stunden miteinander verbracht. Es wäre gelacht, wenn wir diesen Mann nicht überlebten. Was ist er denn? Ein armes Würstchen! Einer, der mit seiner eigenen Unsicherheit nicht zurechtkommt und deshalb seine Launen an uns ausläßt. Denken Sie, wie er gestern hinter seinem Schreibtisch stand, in der Haltung eines Rekruten, den Telefonhörer in der Hand, der sich bei jedem „Jawohl, Herr Dezernent, aber gewiß, Herr Dezernent, selbstverständlich, Herr Dezernent“, verbeugte, als stünde dieser in Generalsuniform vor ihm. Dieser Anblick – beredter konnte er nicht sein. Jegliche Achtung ist damit verloren gegangen. Nein, Frau Schorn, das ist wirklich nur eine armer Wicht. Und jetzt will ich kein Wort mehr über Kündigung oder Weggang hören. Alles klar!“