Kapitel 05 Martha

Kapitelübersicht

Wenige Wochen später rief Busoni Cornelia morgens zu sich. „Ich möchte etwas Wichtiges mit Ihnen besprechen, Frau Schorn“, flüsterte er geheimnisvoll. „Es geht um die Buchhaltung, unser Sorgenkind. Sie sollten die Leitung dieser Abteilung übernehmen, damit sie endlich einmal auf Vordermann gebracht wird. Eine Gehaltsaufbesserung von fünfzig Mark ist selbstverständlich.“

„Fünfzig Mark?“

Sie glaubte sich verhört zu haben.

„Ja?“ strahlte er.

Die Wut über dieses infame Angebot überrollte sie wie die Welle einer aufgepeitschten See. Sie fühlte sich von ihr emporgehoben, spürte förmlich, wie sie anschwoll und ergab sich ihr im ersten Augenblick wie einer Verbündeten. Sie merkte, wie sie mit ihren Fingern auf seinem Schreibtisch zu trommeln begann; die momentan einzige Art, ihr Temperament, ihren Unmut zu zügeln.

Schließlich sagte sie gefährlich leise:

„Fünfzig Mark, daß ich nicht lache! Um diese Abteilung auf Vordermann zu bringen, müßten Sie mir mindestens zwei Gehaltsstufen höher garantieren. Oder bilden Sie sich ein, ich verkaufe meine Arbeitskraft für läppische fünfzig Mark zusätzlich im Monat? Nein, nicht mit mir, Herr Busoni!“

Sie versuchte, sich innerlich zur Raison zu rufen, nichts Unbedachtes zu sagen. Deshalb stand sie wortlos auf und kehrte an ihren Schreibtisch zurück.

Martha merkte sofort, daß etwas in Cornelia brodelte. Sie schob die Kollegin kurzerhand in die Küche und fragte:

„Was ist los? Sie sind ja ganz blaß.“

„Stellen Sie sich vor, der Kerl hat mir vorgeschlagen, die Leitung der Buchhaltung zu übernehmen!“

„Das ist doch prima.“

„Ja, aber nicht für läppische fünfzig Mark mehr monatlich, der spinnt wohl!“

„Was haben Sie geantwortet?“

„Ich habe abgelehnt.“

„Hätte ich auch. Er war darüber sicher nicht begeistert.“

„Das ist mir vollkommen egal! Ich finde das Angebot eine Unverschämtheit. Oder wie sehen Sie das?“

„Ja, der Busoni hat es faustdick hinter den Ohren.“

Wie dick, das sollte sich bald herausstellen. Noch wußte Cornelia nicht, daß sie sich mit ihrer Ablehnung Busoni zum Erzfeind gemacht hatte.