Kapitel 05 Martha

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„Was haben Sie für einen absonderlichen Kauz mitgebracht, Frau Schorn? Ist das Ihr neuer Verwaltungschef? Hätten Sie nicht Lust, zu uns nach Mannheim zu kommen? Herr Schneider hält große Stücke auf Sie und mit dem“ – wobei er auf Busoni deutete – „werden Sie noch Ihr blaues Wunder erleben. Also, wie wär’s? Natürlich läge Ihr Verdienst eine Gehaltsgruppe höher. Denken Sie darüber nach. Geben Sie mir am Schluß der Tagung Bescheid. Falls Sie erst mit Ihrem Mann sprechen müssen, rufen Sie mich in den nächsten Tagen an.“

„Das kommt alles ein bißchen plötzlich für mich.“ Er wiederholte das Angebot bei Tisch, in Anwesenheit von Busoni, der sogleich ausrastete. Er schrie:

„Abwerbung im eigenen Unternehmen, das ist der Gipfel. Ich lasse mir von Ihnen nicht eine unserer besten Kräfte ausspannen!“

Cornelia fühlte sich veranlaßt, einzuschreiten und die Wogen zu glätten.

„Ich bitte Sie, meine Herren! Eine Veränderung meinerseits steht heute nicht zur Debatte. Und wenn, dann ist das meine alleinige Entscheidung. Dazu sind weder Boxhandschuhe noch ein Ringrichter vonnöten“, sagte sie mit Wut im Bauch, aber auch mit einem gewissen Frohlocken in der Stimme, das sie nur schlecht zurückhalten konnte.

Der Ärger über Busoni hielt an, auf der Rückfahrt war sie kurz davor, ein paar böse Worte zu äußern, als der Motor seines Wagens zu stottern begann.

„Was ist los?“ wollte sie wissen.

„Ich weiß es nicht. Tut mir leid, Frau Schorn.“

Er stieg aus, hob die Motorhaube des Wagens hoch, schaute hier- und dahin, während ihr Blick sich auf die Benzinuhr richtete.

„Da werden Sie lange suchen können, Herr Busoni“, rief sie. „Der Tank ist leer! Haben Sie wenigstens einen Reservekanister, damit wir bis zur nächsten Tankstelle kommen?“

„Nein!“

In einer anderer Situation hätte sie vielleicht gelacht, aber es ging auf Mitternacht zu. In diesem Moment überwog das Gefühl, ihn am liebsten umzubringen. Es begann zu nieseln, und sie mußten fast einen Kilometer das Auto schieben. Ihre Nerven lagen blank. Sie sprach auf der weiteren Fahrt kein Wort mehr.

Als sie die Geschichte am nächsten Tag Martha berichtete, lachte diese sich halb tot.

„Frau Schorn, diese und andere Anekdoten sollten Sie aufschreiben. Wenn wir in Rente sind, schreiben Sie darüber ein Buch, und wir lachen uns kaputt.“

Ein Vorschlag, über den es sich nachzudenken lohnte.