Kapitel 05 Martha

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Cornelias blieb demgegenüber konservativ eingestellt. Für sie zählten die Alten, zumindest diejenigen, die Disziplin aufwiesen und etwas von Menschenführung verstanden. Zumeist waren es Vertreter einer Generation, die am Wiederaufbau mitgearbeitet hatten und schwere Zeiten zu nehmen mußten. Menschen, die nicht nur der schnellen Mark hinterher jagten, die sich weniger überfordert fühlten und seltener krank feierten.

Busoni zeigte sich den einzelnen Mitarbeiterinnen gegenüber galant – für Cornelias Begriffe zu charmant im Auftreten.

Auf der anderen Seite war er von einer flüchtigen Förmlichkeit, als sei die Belegschaft wie Wasser auf seiner Regenhaut, das er verdrießlich abschüttelte. Die Harmonie und Eintracht, die er so gern zur Schau stellte, geriet zum Selbstzweck. Sein Gebaren wirkte unecht, mehr Schein als Sein. Sie wurde aus ihm nicht schlau, und so unterhielt sich Cornelia eines Morgens mit Martha Schulze darüber:

„Was halten Sie eigentlich von Busoni?“

„Der ist verdammt schwer einzuschätzen, meine Liebe. Einmal ist er von einer nicht zu überbietenden Überheblichkeit, dann in seinem Verhalten übervorsichtig, ängstlich, egoistisch, auf Sicherheit und Prestige bedacht. Denken wir nur an den Besuch von Direktor Ingwersen aus Köln. Busonis Getue, diese Unterwürfigkeit, seine dauernden Verbeugungen, als sei er ein Lakai, einfach peinlich! Sogar die Tasche wollte er ihm tragen. Ich höre noch dessen Worte: ‚In den Mantel können Sie mir nach dem ersten Schlaganfall helfen, lieber Busoni.’ Sich so zu erniedrigen, für mich unvorstellbar.“

„Also einer, der nach oben katzbuckelt und nach unten tritt. Da wird allerhand auf uns zukommen, Frau Schulze.“ „Das sehe ich genau so, Frau Schorn.“

Einen kleinen Vorgeschmack sollte Cornelia wenige Tage danach erhalten. Auf einer Dienstreise, die sie und Busoni nach Mannheim führte. Nichts gegen Aufmerksamkeiten, aber die, die er ihr im Beisein der anderen Konferenzteilnehmer entgegenbrachte, entwickelten sich nicht nur als lästig, sie wurde dadurch zum Gesprächsthema Nummer Eins. Cornelia fühlte sich von ihm nicht wie eine Mitarbeiterin behandelt, eher wie ein Vorstandsmitglied oder seine Geliebte. Nicht genug, daß er ihr den Stuhl zurechtrückte und fragte, ob sie bequem sitze; so sprang er während der Sitzung völlig unnötig auf, als er merkte, daß Zucker und Sahne fehlten. Der Gipfel: Er pries ihr fachliches Wissen und Können in den höchsten Tönen – was ihr in einer solchen Runde völlig deplaziert erschien. Es nützte nichts, daß sie ihm auf den Fuß trat, und es kostete sie Mühe, sich zu beherrschen und ihrem Ärger nicht laut Luft zu machen.

In der Pause gesellte sich der Mannheimer Verwaltungschef zu ihr. Sie kannten sich von anderen Konferenzen.